Klaus "Whisky" Schmidt: Stadt Venedig (Headerbild) (1980/2026)

Klaus „Whisky“ Schmidt – Die Bilder der „Stadt Venedig“

Fürth ist seit wenigen Monaten an „Lokal-Kolorit“ ärmer. Bei dem Lokal handelt es sich in dem Fall um die „Stadt Venedig“. Jahrzehntelang hing über dem Eingang der 1980er Szenekneipe in der Fürther Altstadt ein Bild des Malers Klaus Schmidt. Die „Venedig“ – wie sie allenthalben hieß – gibt es in der ursprünglichen Form schon lange nicht mehr. Das markante Gemälde Schmidts blieb dem Lokal jedoch trotz vieler Pächter- und Speisekartenwechsel erhalten. Seit Anfang 2026 ist es weg, ebenso die kleine Sammlung an Schmidts Bildern, die in der Kneipe hing.

Biographisches Teil 1

Klaus Schmidt, 1938 in Teplitz-Schönau (Teplice), Tschechoslowakei geboren, studierte nach dem Abitur zunächst Englisch und Latein zum Diplom-Dolmetscher. Danach bewarb er sich erfolgreich an der Kunstakademie in München, um nach zehn Semestern als Bester seines Jahrgangs in Bayern abzuschließen.
Als Preisträger der Stadt München, der Kunstakademie München und der Stadt Salzburg (Oskar-Kokoschka-Preis) kam der Maler Schmidt im Schuljahr 1967/68 als Kunsterzieher und Englischlehrer ans Hardenberg Gymnasium Fürth.

Wenn man den ehemaligen Schülern – ich darf mich glücklich dazu zählen – folgt, hat Klaus Schmidt nie als klassischer Lehrer gewirkt, sondern Kraft Inspiration. Seiner Exzentrik wegen hat ihn stets Anekdotisches umrankt. Von den Schülern bekam der schwarz gekleidete Lehrer wegen seiner Neigung zu Hochprozentigem den Spitznamen „Whisky“. Da drückt er während des Unterrichts schon einmal Schülern Geld in die Hand: „Jetzt geht ihr zum Tengelmann und da holt ihr Cola und da tun wir dann Whisky rein.“ So Schmidt zu zwei Sechstklässlern im Schuljahr 1973/741 .

Solche pädagogischen Auffälligkeiten waren nicht von jedem in der Schulfamilie mit Humor betrachtet worden: Im Schuljahr 1978/79 war Schluss. In eine Vertretungsstunde erklärte Schmidt den überraschten Schülern seinen Abgang mit den Worten: „Da haben sie mir ein Schreiben vorgelegt. Da stand dann drin, dass ich quasi unzurechnungsfähig bin. Das habe ich natürlich sofort unterschrieben.“2 Auf Betreiben des damaligen Direktors Dr. Jäger attestierte die Schulbehörde dem Pädagogen eine „psychopathologische Persönlichkeitsstruktur“.3 Ausgestattet mit dem Ruhestandsgehalt eines Beamten war er frei für sein Künstlerleben.

Fortan malte er exzessiv auf Pressspanplatten beklemmende Bilder einer apokalyptischen Weltenschau vom Untergang und Verfall, von Schreckensvisionen und sexuellen Obsessionen, von Trinkern und Zechgelagen. Mehrere hundert Bilder sind so entstanden. Und so exzessiv wie er malte, sprach er auch dem Alkohol zu. Frühere Weggefährten erzählen von Kneipengelagen bis in die Morgenstunden in der Wolfsschlucht, der Amm’schen Wirtschaft oder im Gelben Löwen.4 Und wohl auch in der „Stadt Venedig“, wo er seine Zechen mit Bildern beglich – die Bilder, die Anfang 2026 nach dem Pächterwechsel verschwunden schienen.

Die Bilder sind jedoch nicht – wie ich befürchtet hatte – verloren gegangen. Der Hauseigentümer hat sie eingelagert und mir freundlicherweise zum Fotografieren zur Verfügung gestellt.

Stadt Venedig

Das Bild „Stadt Venedig“ von Klaus Schmidt hing seit ca. 1980 über dem Kneipeneingang. Abgebildet ist ein Pestarzt mit Schnabelmaske, in der Hand eine Fahne mit dem Schriftzug „Stadt Venedig“. Im dämmrigen Hintergrund ist Venedig mit der am Eingang des Canal Grande liegenden Santa Maria della Salute zu sehen. Der barocke Bau der Basilika war 1630 als Dank für das Ende einer verheerenden Pestepidemie in Auftrag gegeben worden. Die Fahne und der Schriftzug „Stadt Venedig“ sind mit erkennbarer Wahrscheinlichkeit nicht von Schmidt, sondern nachträglich hinzugekommen. Weder passt der Schriftzug zum Bild, noch ist das seine markante Handschrift. Der Stab, den der Pestarzt in der Hand hält (und der als Fahnenstange umfunktioniert wurde) ist ein sogenannter Pestarztstab. Mit ihm hielten die Ärzte bei Untersuchungen Abstand zu den Erkrankten.

Klaus "Whisky" Schmidt: Stadt Venedig (1980/2014)
Klaus „Whisky“ Schmidt: Stadt Venedig (1980/2014)
Klaus "Whisky" Schmidt: Stadt Venedig (1980/2026)
Klaus „Whisky“ Schmidt: Stadt Venedig (1980/2026)

Abgebildet sind zwei Fotos des Kneipenschildes. Das erste ist vom Dezember 2014. Über dem Gemälde war ein kleines Metalldach mit einer Neonröhre angebracht. Zum Zeitpunkt der Aufnahme hing zudem von links nach rechts quer über das Bild eine Lichtergirlande. Mit Hilfe von Gemini 2.5 (Nano Banana) habe ich versucht, das Gemälde ohne die störenden, nicht zum Bild gehörenden Elemente, wieder herzustellen. Die Girlande wurde herausretuschiert, ebenso das Metalldach und den durch das Dach geworfenen Schatten. Das zweite Foto stammt vom Mai 2026. Leider war das Gemälde in einem bemitleidenswerten Zustand. Größere Teile waren so zerstört, dass nur noch die Spanplatte übrig geblieben ist. 45 Jahre Wind und Wetter hatten weniger Schaden angerichtet als die Demontage.

Stadttheater Fürth

Das zweite ikonische Bild – das „Stadttheater Fürth“ – hing direkt im Blickfeld des Kneipenbesuchers an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand. Schmidt malte das neobarocke Stadttheater in der reduzierten Farbpalette und der dramatisch-nächtlichen Atmosphäre seiner früheren Werke – und in dem für ihn typischen quadratischen Format. Der Vorplatz mutet an wie eine Zugbrücke, die sich schließen wird, sobald die heranströmenden Besucher im Inneren des bürgerlichen Musentempels verschwunden sind. Mit expressiver Vehemenz wandte er sich gegen die geschlossene Gesellschaft einer bürgerlich-braven Behaglichkeit. 1982 malte Schmidt die aus dem „Stadt Venedig“-Bild bekannte Basilika Santa Maria della Salute in gleicher Weise wie das Stadttheater Fürth (siehe Galerie am Ende des Artikels).

Klaus "Whisky" Schmidt: Stadttheater Fürth (1980)
Klaus „Whisky“ Schmidt: Stadttheater Fürth (1980)
Klaus "Whisky" Schmidt: Stadttheater Fürth (Offsetdruck) (1980)
Klaus „Whisky“ Schmidt: Stadttheater Fürth (Offsetdruck) (1980)

Das Stadttheater-Bild weist wie das Stadt-Venedig-Bild „Gebrauchsspuren“ auf. Ein Vergleich mit einem frühen Druck des Bildes zeigt, dass das Bild ursprünglich deutlich heller war. 30 Jahre Nikotin haben Spuren hinterlassen (das Rauchverbot in Bayerns Gaststätten gilt seit 1. August 2010). Da das Bild an die Wand geschraubt wurde, gibt es zudem an allen vier Ecken Bohrlöcher. Viel gravierender ist aber die Tatsache – man glaubt es kaum –, dass das Bild links, rechts und unten abgesägt wurde! Aus diesem Grund fehlt beispielsweise rechts unten die ursprüngliche Signatur.

Interessant ist die Rückseite des Bildes. Schmidt hat sie schwarz bemalt und darauf wie mit weißer Kreide signiert. Unweigerlich fühlt man sich an seine Tafelanschrift als Lehrer erinnert.

Klaus "Whisky" Schmidt: Rückseite von "Stadttheater Fürth" mit Signatur (1980)
Klaus „Whisky“ Schmidt: Rückseite von „Stadttheater Fürth“ mit Signatur (1980)

St. Michael Fürth

Weniger ruinös und bedrohlich, untypisch hell, wenn auch nicht farbiger ist das Bild von „St. Michael“. Die Kirche selbst ist nicht in Szene gesetzt, obwohl der Kirchturm mittig auf der y-Achse platziert ist. Im Mittelpunkt des Bildes ist ein Tunneleingang angedeutet, der unter die Gustavstraße führt. Ob Schmidt hier eine Überlegung aus der damaligen Sanierungsplanung der Altstadt oder dem U-Bahnbau visualisiert hat? Oder greift er hier sein Sujet des Doppelbödigen und Untergründigen auf und imaginiert hier den Abstieg in die Trinkerwelt, die ihn im „Gelben Löwen“ oder in der „Stadt Venedig“ erwartet?

Klaus "Whisky" Schmidt: St. Michael Fürth (ca. 1980)
Klaus „Whisky“ Schmidt: St. Michael Fürth (ca. 1980)

Portrait eines Unbekannten

Dieses Portrait ist das letzte großformatige Bild aus dem Konvolut der Bilder der Stadt Venedig, wobei ich mich persönlich nicht daran erinnern kann, dass dieses in der „Venedig“ hing. Als einziges der „Venedig-Bilder“ weist es auch keine Bohrlöcher auf. Das Bild ist nicht signiert und nicht datiert. Der signifikante rote Portraithintergrund passt zu den Bildern der Ausstellung „The Yellow Lion Roars Again“ aus dem Jahr 1985. Grob geschätzt sind die Hälfte der Gemälde von Schmidt Portraits, und nur in seltenen Fällen waren sie realen Personen zuzuordnen. Aber vielleicht hat Klaus Schmidt hier den damaligen Kneipenwirt Rudi Bayer portraitiert und das Bild hing nicht in der Kneipe, sondern in der Wohnung darüber?

Klaus "Whisky" Schmidt: ohne Titel (Portrait) (ca. 1980)
Klaus „Whisky“ Schmidt: ohne Titel (Portrait) (ca. 1980)

Eine Anzahl von Köpfen ohne den Anspruch auf Portrait-Ähnlichkeit sondern ein Zusammenwirken von Farben und Formen ausgelöst von derjenigen Person.

The story behind the story. (Klaus Schmidt)5

Drei kleinformatige Bilder

Die Ansammlung der „Venedig-Bilder“ komplettieren drei kleinformatige, nicht quadratische Bilder. Ebenfalls gemalt in der spärlichen Farbpalette der früheren Jahre mit Acryl auf Spanplatte spielen sie exzessiv bacchantisch-lüsterne Themen. Auf einem Bild gruppiert sich eine Ansammlung von Menschen um einen erigierten Phallus. Im Mittelpunkt des zweiten Bildes thront ein weiblicher Akt wie auf einer Drehscheibe, die von weiteren umgebenden Nackten angetrieben wird. Und im Zentrum des dritten Bildes ist eine schaukelnde Chimäre zu sehen, die von umstehenden menschlichen Wesen angeschoben wird.

Biographisches Teil 2

Die „Stadt Venedig“ ist Geschichte. Klaus Schmidt lebte und malte noch bis 1994 in Fürth, unterbrochen von Reisen nach Italien. Seine zweite Heimat in Fürth war die Stanzerei Spahn. In der alten Fabrikhalle seines Freundes und Gönners Christian Spahn, genannt Galerie Spahn, hingen seine Bilder. Und dort fanden auch immer wieder Ausstellungen statt – mit neuen Bildern seiner Reisen. Seine farblich reduzierte Malerei, zu der zunächst sukzessiv einzelne Akzentfarben wie Rot, Blau, Grün oder Lila hinzukamen, wandelte sich in den 90er Jahre hin zu in einer kräftigen und satten Farbmalerei.

1994 verließ er Fürth – ohne seine Bilder mitzunehmen – lebte bis 1998 in Prag und danach in Berlin. Er nannte sich nun Klaus von Teplitz, nach der Stadt, in der er 1938 zur Welt kam. Ob es jedoch Kunst aus der Zeit nach Fürth gab, konnte ich nicht recherchieren. Auch in der Ausstellung zu Schmidts 75. Geburtstag im Kunstschaufenster des ehemaligen Fürther City Centers, zu der er sogar nach Fürth kam, wurden „nur“ Arbeiten aus der Fürther Schaffensperiode zwischen 1981 und 1994 gezeigt.

2013 starb Schmidt im Alter von 83 Jahren.

Seine Kunst erlebt gerade wieder eine Renaissance in Fürth. Im Oktober 2025 fand in der ehemaligen „Galerie Spahn“ – jetzt „Galerie Klaus Schmidt“ – im Rahmen der Ateliertage wieder eine große Ausstellung aus dem immer noch üppigen Bestand von Christian Spahn statt. Spahns Witwe Sonja bot die Bilder zum Verkauf an und tut dies auch weiterhin. 2026 folgten Ausstellungen in der Kneipe des Babylon Kinos und in der Stadtsparkasse Fürth.

Ergänzende Bildergalerie

Weblinks

Quellenangaben

  1. Schülerin von Klaus Schmidt, Klasse 6e, 1973/1974 am Hardenberg-Gymnasium, Zeitzeugin im persönlichen Gespräch am 24. Mai 2026 ↩︎
  2. dto. Schülerin von Klaus Schmidt, 1978/1979 am Hardenberg-Gymnasium, Zeitzeugin im persönlichen Gespräch am 24. Mai 2026 ↩︎
  3. Michael Becker: „Gefangen in Babylon. Ein Porträt des Fürther Malers und Kokoschka-Schülers Klaus Schmidt“ in den Fürther Nachrichten vom 16. April 1985 und Bernd Noack: „Der Sinnsucher. Der Künstler und Pädagoge Klaus Schmidt ist tot.“ in den Fürther Nachrichten vom 03. September 2021 ↩︎
  4. z.B. Walter Gerstung in Fürth TV auf YouTube: „Once upon a time… two friends“ ↩︎
  5. Klaus Schmidt: Capitation (ohne Jahr): siehe Biografie Galerie Klaus Schmidt ↩︎

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