Verliebt in Farben? Eine Ausstellung für alle Sinne? Franziska Nast – Modedesignerin und bildende Künstlerin in den Bereichen Zeichnung und Multimedia aus Hamburg – hat das Keyvisual der Ausstellung entworfen. Die knallbunte, spektralfarbene und an Pop Art erinnernde Gestaltung ist aber leider mehr „Colour Crush“ als so manche Exponate der Ausstellung selbst.
Rupprecht Geiger: Rot ist geballte Energie
Den Ausgangspunkt der Ausstellung bilden zwei Werke von Rupprecht Geiger (1908 – 2009), der sich in seiner Malerei auf elementare Formen wie Quadrat, Oval und Kreis reduzierte, damit sich der Betrachter auf die Wahrnehmung der Farbe konzentrieren kann. Dabei arbeitete er mit Kontrastfarben, um deren Farbwirkung zu steigern. Um die Perzeption der reinen Farbe durch die Handschrift des Künstlers nicht zu stören, verwendete er auch Spritzpistolen. Das Farberlebnis steigerte er zudem noch durch die Verwendung von künstlich produzierten, in der Natur nicht vorkommenden Farbpigmenten.
Welches Oval leuchtet auf welchem Hintergrund stärker? Bei Betrachten der Seriegrafie „Colour in the round“ (1969) wandert das Auge über die neun Farbfelder und es scheint, als ob diese zu flimmern beginnen.
Vertieft man seinen Blick für einige Zeit in „Pinc contra orange (I, II)“ (2005) und betrachtet anschließend wieder die umgebende weiße Wand, dann erscheint diese grün. Verliebt in Farben? Eine Ausstellung für alle Sinne? Beide Werke aus dem Archiv Geiger in München prägen Atmosphären und beeinflussen Wahrnehmungsprozesse.
Christof John: Exaktheit und Unschärfe
Die Wahrnehmung der Exponate von Christof John unterliegen auch einem Prozess. Auf den ersten Blick scheint alles klar. Man sieht klare geometrische Strukturen, doch dann kippen Vorder- und Hintergründe. Seine Bilder und Rauminstallation sind exakt und unscharf zugleich und mit bewussten Fehlern behaftet. Das Auge versucht Ordnung zu schaffen, doch im nächsten Moment wird diese Ordnung zugunsten einer anderen Ordnung verworfen, die wiederum korrigiert wird, denn es gibt keine Ordnung, sondern ein komplexes Gefüge aus unterschiedlichen, sich überlagernden Mustern.
Zora Kreuzer: The Sun Isn’t Shining Tonight
Zora Kreuzers pinkfarbener Raum „True Color“ hingegen bleibt pinkfarben. What You See Is What You Get. Hätte Zora Kreuzer eine blaue Folie genommen, wäre der Raum eben blau. Ein Blick genügt. Da baut sich keine Spannung auf. Der Lichtraum wirkt seltsam lieblos gestaltet. Ganz anders als eines ihrer früheren Werke „The Sun Is Shining Tonight“. Dort wurden architektonische Gegebenheiten durch Licht und Farbe herausgearbeitet und mit klaren, geometrischen Formen kontrastiert. 1 Vielleicht widersetzte sich aber auch der relativ kleine, oktogonale Raum mit seinen matten, braunen Bodenfließen einer erfolgreichen experimentellen Auseinandersetzung?
Sophie Herz: Himmelblau ist kein digitaler Farbwert
Ebenso unspannend und auf einen Blick erfassbar ist „Himmelblau“ von Sophie Herz. Eine Wand der Kunsthalle ist himmelblau gestrichen. Vorausgegangen ist eine Analyse von wolkenlosem Himmel. Über einen Zeitraum von zwei Jahren fotografierte Herz den Himmel an einem Ort. Anschließend errechnete sie den durchschnittlichen digitalen Farbwert und übersetzte ihn in Wandfarbe. Laut Ausstellungsprospekt unternimmt Sophie Herz hier „den ebenso präzisen wie vergeblichen Versuch, einen der aufgeladensten Farbtöne der Kulturgeschichte festzuschreiben. … Das Ergebnis ist keine Wahrheit. … weil Wahrnehmung immer situiert, körperlich und zeitlich ist.“ 2
Matti Braun: Der Gradient Designer
Etwas ratlos machten mich dann letztlich die Seidenbilder in Regenbogenfarben von Matti Braun. Sofort muss ich an das Photoshop Verlaufswerkzeug denken. Im Internet habe ich einen alten Screenshot – vermutlich CS2 oder CS3 – gefunden.
Matti Braun ist kein Unbekannter im Kunstuniversum. Brauns Werk ist u.a. in den Sammlungen der zeitgenössischen Sammlung Kunst der Bundesrepublik Deutschland (Berlin), in der Finnischen Nationalgalerie (Helsinki), im Los Angeles Museum of Art und in der Pinakothek der Moderne (München) vertreten.
Ich gehe deshalb davon aus, dass Matti Braun sicherlich nicht einfach einen Photoshopverlauf ausgedruckt hat. Aber warum nutzt man aufwändige und arbeitsintensive Färbeverfahren, um nahtlose Farbverläufe auf Seide zu erzeugen, die sich durch rein gar nichts von einem aufwändigem Druckverfahren digitaler Daten unterscheiden? Der Entstehungsprozess ist letztlich Handwerk, das Ergebnis ist Dekoration und auch auf eine Art beliebig. Trotzdem werden diese gefärbten Seidenbahnen, die auf pulverbeschichtete Aluminiumrahmen gespannt werden, für bis zu 30.000 € auktioniert. 3
Ich konnte deshalb nicht anders, als mit dem Adobe Photoshop Chrome PlugIn und Nano Banana eines der Bilder nachzustellen.


Weitere Hinweise
- Die Ausstellung in der Kunsthalle ist zu sehen bis zum 07. Juni 2026.
- Weitere ausstellende Künstler der Ausstellung sind: Kirstin Arndt, Rana Begum, Erika Hock, Franziska Holstein, Schirin Kretschmann, Sebastian Kuhn und Kai Schiemenz.
Weblinks
Quellenangaben
- loop raum für aktuelle Kunst – B-Part Exhibition: Zora Kreuzer – The Sun Is Shining Tonight ↩︎
- Ausstelungsprospekt #03 Sophie Herz ↩︎
- HENI NEWS: Matti Braun’s Auction Record Increases by 0.6%; Matti Braun, Untitled (2015) sold for $33,100 (EUR29,000) ↩︎






