von ZERO an (Artikelbild) (2015)

von ZERO an – Umfangreiche Sammlung erstmals zu sehen – Mack, Piene, Uecker auf AEG

von ZERO an : die Kunstsammlung der DB Stiftung: Ausstellungskatalog (2015)
von ZERO an : die Kunstsammlung der DB Stiftung: Ausstellungskatalog (2015)

Premiere in Nürnberg. Erstmals präsentiert die Kunstsammlung der Deutschen Bahn Stiftung einen Teil ihrer umfangreichen Sammlung in der Öffentlichkeit. von ZERO an heißt die Ausstellung auf dem früheren AEG-Gelände, in deren Mittelpunkt die Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO um Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker steht. Um die drei Gründer sind weitere Künstler aus der bewegten Zeit des deutschen Wirtschaftswunders bis zum Ende des 20. Jahrhunderts versammelt. Die Ausstellung bietet eine beeindruckende Reise durch die Kunstgeschichte von ZERO an.

Die Kunstsammlung hat Günther Winkelmann begründet, der frühere Vorstandsvorsitzende des Logistikunternehmens Stinnes AG. Er begann Anfang der siebziger Jahre damit, zeitgenössische Künstler zu fördern und ihre Werke zu kaufen. Als Stinnes 2003 an die Deutsche Bahn verkauft wurde, fiel dieser auch die Kunstsammlung zu.

von ZERO an (Stencil) (2015)
von ZERO an : Stencil auf dem AEG-Gelände

Russalka Nikolov, die Direktorin des DB Museums in Nürnberg berichtet, dass die meisten Bilder bisher die Wände in den Büros und Fluren der Deutschen Bahn geziert hätten, verteilt in der gesamten Republik. Erst 2013, als die Deutsche Bahn Stiftung gegründet wurde, in deren Besitz auch das Nürnberger DB Museum ist, wurden die Werke kunsthistorisch analysiert und zusammengetragen – nicht zur reinen Freude der Mitarbeiter, in deren Büros die Werke bislang hingen. 300 Bilder gehören nun zur Sammlung der Deutsche Bahn Stiftung, 140 davon sind in der umfassenden Schau vom 08. Mai bis zum 17. Juni 2015 erstmals öffentlich zu sehen. Im Herbst soll die Ausstellung ein weiteres Mal in der Alten Baumwollspinnerei in Leipzig gezeigt werden.

Als imposante Kulisse für die Ausstellung dient die riesige Halle 20 auf AEG. Die mehr als 6000 qm große Industriehalle wurde zu einer spektakulären Kunsthalle umgebaut. Selten kann Kunst so großzügig und eindrucksvoll präsentiert werden.

von ZERO an: eine 6000 qm große Industriehalle wurde zu einer phänomenalen Kunsthalle umgebaut
von ZERO an: eine 6000 qm große Industriehalle wurde zu einer spektakulären Kunsthalle umgebaut
von ZERO an: Werke aus dem Themengebiet der "geometrischen Abstraktion"
von ZERO an: Werke aus dem Themengebiet der „geometrischen Abstraktion“
von ZERO an: Leseecke im Ausstellungsraum (2015)
von ZERO an: Lesebereich im Ausstellungsraum

Kunstgeschichtliche Ausgangsbasis

Die meisten Bilder der Sammlung bilden nicht die visuelle Wirklichkeit ab, sondern sie sind abstrakt, besser noch konkret. Kunstrichtungen wie der russische Konstruktivismus (z.B. Kasimir Malewitsch, Willi Baumeister oder László Moholy-Nagy) oder die von ihm inspirierte niederländische De Stijl-Bewegung (z.B. Piet Mondrian, Theo van Doesburg) erteilten der bisherigen Bildsprache eine Absage. „Nichts sollte mehr beschrieben, nichts erzählt werden, und auch nichts ‚abstrahiert‘. Die sichtbare Welt spielt in dieser Kunst keine Rolle mehr. Bilder waren autonom. Ein völlig neues, geometrisches Formenvokabular entstand, das Raum, Fläche und Farbe spannungsvoll in Beziehung setzte. Systematik, Ordnung, Konstruktion hießen die Schlagworte dieser neuen Kunstrichtung. Seit 1924 hatte sie einen Namen: ‚konkrete Kunst‘.“ (1) (z.B. Hans Arp, Rupprecht Geiger, Robert Ryman)

Eine zweite, ebenfalls nicht gegenständliche Stilrichtung ist die „informelle Kunst“ (auch art informel) (z.B. Hans Hartung, Asger Jorn, Wols). Es ist ein Sammelbegriff für die nicht-geometrische Kunst. Im Gegensatz zur konkreten Kunst vertritt sie eine künstlerische Haltung, „die das Prinzip der Formlosigkeit propagiert. Die ‚informelle‘, nicht komponierte Kunst geht auf den Impressionismus und den Surrealismus zurück. Spontane, den Prozessen des Unterbewusstseins folgende Arbeitsformen sind typisch für das ‚Informel‘.“ (2)

Die Künstlergruppe ZERO: Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker

Einen bedeutenden Schwerpunkt in der ehemaligen Stinnes-Sammlung bilden die Künstler der Gruppe ZERO. Die Künstler suchten einen Anfang, eine „Stunde Null“, die von der Vergangenheit unbelastet sein sollte und aus einer idealistischen, optimistischen Grundhaltung heraus entstand. Die Düsseldorfer Künstlergruppe ZERO wurde 1958 von Heinz Mack und Otto Piene gegründet und 1961 um Günther Uecker erweitert. Inspiriert durch die monochromen Bilder des Franzosen Yves Klein, der mit der Schwester von Günther Uecker verheiratet war, reduzierten sie die Farben in Richtung Monochromie, sie verzichteten auf Spuren individuellen Ausdrucks und auf Komposition. An ihre Stelle traten Licht- und Bewegungsrhythmen. Der Fokus ging weg vom statischen Leinwandbild hin zu kinetischer Lichtkunst, die später zur „Op-Art“ werden sollte. 1966 löste sich die Gruppe nach acht Jahren auf.

Das ZERO-Manifest

Mack, Piene und Uecker verfassten 1963 das ZERO-Manifest Zero der neue Idealismus, das an die Proklamationen des Futurismus (Futuristische Manifest von Marinetti  aus dem Jahr 1909) und des Dadaismus (Dadaistische Manifest von Huelsenbeck aus dem Jahr1918) erinnert.

von ZERO an: Zero der neue Idealismus: Das Zero Manifest (1963)
von ZERO an: Zero der neue Idealismus: Das Zero Manifest (1963)

„Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich. Zero ist der Mond. Die Sonne ist Zero. Zero ist weiss. Die Wüste Zero. Der Himmel über Zero. Die Nacht –, Zero fließt. Das Auge Zero. Nabel. Mund. Kuß. Die Milch ist rund. Die Blume Zero der Vogel. Schweigend. Schwebend. Ich esse Zero, ich trinke Zero, ich schlafe Zero, ich wache Zero, ich liebe Zero. Zero ist schön, dynamo, dynamo, dynamo. Die Bäume im Frühling, der Schnee, Feuer, Wasser, Meer. Rot orange gelb grün indigo blau violett Zero Zero Regenbogen. 4 3 2 1 Zero. Gold und Silber, Schall und Rauch. Wanderzirkus Zero. Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero ist Zero.“

Vieles von dem, was in dem Manifest formuliert wurde, findet sich in der nachfolgenden Bildergalerie wieder: Wasser Meer in Blau-Blau Dynamik, Feuer Rauch in Light Me Fire, gelb grün blau in chromatische Konstellation oder selbst Ueckers Nagelbild ist rund.

Bildergalerie ZERO: Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker

Die Sammlung Stinnes enthält neun Arbeiten von Heinz Mack, 16 Grafiken von Otto Piene sowie sieben Arbeiten (darunter zwei Nagelreliefs) von Günther Uecker. Beeindruckend sind die Rauch- und Feuerbilder von Otto Piene Light Me Fire, Menow Sensation und Lift. Der Malgrund wird mit Fixativ behandelt und angezündet. Die Hitze geliert die Rauch-Farbmischung, die je nach Bildneigung zu fließen beginnt. Die archaische Kraft des Feuers sollte in den Bildern erfahrbar sein.

Geometrische Abstraktion

Kurt Kranz (1910 – 1997) gilt als einer der letzten wichtigen Bauhausschüler und fühlte sich dessen Ideen zeitlebens verpflichtet. Sein Aquarall Spiralig gedrehtes Quadrat (1979) verweist mit seiner Lust an der nuancierten Transformation auf den Bauhaus-Lehrer Paul Klee. Auch Heinrich Siepmann (1904 – 2002) verstand sich als Konstruktivist. Alleine die Titel der beiden Gemälde B. 16 (1995) und B. 17 (1988) künden von der reinen Lehre. Die Gouachen von Lothar Quinte (1923 – 2000) hingegen erfüllen das Vokabular der geometrischen Abstraktion nur noch bedingt.

Bildergalerie: Andreas Brandt, Jiří Kolář, Kurt Kranz, Lothar Quinte und Heinrich Siepmann

ZERO-Umfeld und Op-Art

Zu den Varianten der geometrischen Abstraktion gehört die Op-Art, die mit Hilfe präziser abstrakter Formmuster und geometrischer Figuren beim Betrachter überraschende oder irritierende optische Effekte erzeugt. Kernstück dieser Werkgruppe in der DB Ausstellung ist der Wandteppich Quasar von Victor Vasarely (1906 – 1997). Die Ausstellung zeigt außerdem neben vielen weiteren Werken das mit Licht und Transparenz experimentierendes Metallobjekt Physochromie (1977) des venezolanischen Künstlers Carlos Cruz-Diez (* 1923), zwei kubisch-deformierte Raumkonstruktionen Dialogus met de Nacht und Ruimte des belgischen Malers Jef Verheyen (1932 – 1984) und vier Reliefdrucke des Niederländers Jan Schoonhoven (1914 – 1994).

Bildergalerie: Carlos Cruz-Diez, György Jovánovics, Walter Leblanc, Adolf Luther, Jan Schoonhoven, Victor Vasarely, Jef Verheyen

Post-Informel und lyrische Abstraktion

Unscharfe, sanfte, schwebende Farbformen schaffen lose Kompositionen aus frei geformten Flächen. Den Bildern von Otto Ritschl (1885 – 1976) lagen zunächst geometrische, konstruktivistische Formen zugrunde, bevor er sich Ende der fünfziger Jahre von deren Strenge löste. Auch das Bild Schatten von Georg Meistermann (1911 – 1990) lässt an den russischen Konstruktivismus denken. Doch die schwarzen, roten und grauen Flächen schweben auf dem weißen Grund und vermitteln den Eindruck einer stillen Poesie.

Bildergalerie: Otto Ritschl, Sigrid Kopfermann, Georg Meistermann

Achtziger und neunziger Jahre – Wiederentdeckung der Malerei

„In den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts entdeckten, nach Jahren der Konzentration auf Installation, auf Minimalismus und Konzeptkunst, zahlreiche Maler die ‚gestische‘, auf Formdefinitionen verzichtende Malerei wieder. Mit schnellen, breiten Pinselstrichen entstanden farbkräftige, expressive Bilder, in denen Subjektivität und Emotion wieder eine Rolle spielen.“ (3) Dieser Kategorie wurden im Ausstellungskatalog u.a. die Werke der Künstler Jo Bukowski (* 1956), Kuno Gonschior (1935 – 2010), Dieter Heinen (* 1936), Peter Krawagna (* 1937), Jun Suzuki (*1946) und Klaus Zylla (1953) zugeordnet.

Bildergalerie: Jo Bukowski, Kuno Gonschior, Dieter Heinen, Peter Krawagna, Jun Suzuki, Klaus Zylla

(Neue) Gegenständlichkeit

„Farbkräftige, expressive Bilder, in denen Subjektivität und Emotion eine Rolle spielen“ – auch auf einen Teil der Bilder der (Neuen) Gegenständlichkeit passt diese Beschreibung. Aber sie sind nicht nicht-gegenständlich.

Bildergalerie: Ralph Fleck, Richard Gessner, Stefan Gnad


Bei Ralph Fleck (*1951) kommt es nicht nur darauf an, welche, sondern wie er die Farbe verarbeitet. Fein vermalte Partien kontrastieren mit solchen, an denen die Öllarbe plastisch aufgetragen ist, so dass das Bild in der Nahsicht wie eine faszinierende Mikrolandschaft aus Gestein wirkt. Eindrucksvoll deshalb ein Blick ins Detail von Timanfaya, Lanzarote (1997), dem jüngsten Bild dieser Ausstellung, das die imposante Reise durch die Kunstgeschichte von ZERO an bis ans Ende des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll abschließt.

Ralph Fleck: Timan Faya, Lanzarote (Ausschnitt) (1997)
Ralph Fleck: Timanfaya, Lanzarote (Ausschnitt) (1997)

Quellenangaben

  1. Von Zero an : die Kunstsammlung der DB Stiftung; Hrsg. Russalka Nikolov; Texte: Karen Michels; Nürnberg 2015, S.11
  2. dto.
  3. a.a.O., S. 29

Weblinks

Bildnachweis

Alle Fotos von Werner Gensmantel

Links zu den Detailseiten der Bilder der Ausstellung „von ZERO an“

2 Gedanken zu „von ZERO an – Umfangreiche Sammlung erstmals zu sehen – Mack, Piene, Uecker auf AEG“

  1. Sie schließen Ihre Beschreibung der Ausstellung „von ZERO an“ mit dem Bild Timanfaya 1997 von Ralph Fleck und zeigen ein Detail des Bildes. Es handelt hier ganz offensichtlich um Ölfarbe und keinesfalls um Acrylfarbe. Ralph Fleck malt ausschließlich mit Ölfarbe auf Leinwand und zuweilen mit Ölfarbe auf Papier.

    1. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe die entsprechenden Stellen im Artikel und bei den Bildern korrigiert. Leider waren hier sowohl der Katalog als auch die Beschriftung in der Ausstellung fehlerhaft.

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