Santa Cruz (CA)

T.C. Boyle – Wenn das Schlachten vorbei ist

Boyle, T.C.: Wenn das Schlachten vorbei ist (2012)
Boyle, T.C.: Wenn das Schlachten vorbei ist (2012)

Was ist Natur? Das nicht vom Menschen Geschaffene, das Natürliche? Aber was ist heute nicht vom Menschen geschaffen? Wo begegnet der Mensch noch der Natur im romantischen Sinne?

Natur muss geschützt werden. Doch welche Natur? Zwei Fraktionen von Umweltschützern liefern sich in dem neuen Roman von T.C. Boyle einen erbitterten Kampf. Die Channel Islands vor der Südküste von Kalifornien werden zum Schauplatz konträrer ökologischer Ansätze: der Schutz eines Lebewesens um jeden Preis oder die Bewahrung/Wiederherstellung eines ökologischen Gleichgewichtes. Emotional die eine, wissenschaftlich-nüchtern die andere Sicht. Und der Gewinner ist?

T.C. Boyle ist bekannt nicht nur für sein erzählerisches Vermögen, sondern auch für die Komplexität seiner Sicht der Dinge. Schwarz-Weiß ist sein Weltbild nicht. Ich fühle mich etwas erinnert an „Drop City“. Sympathie für die Hippie-Kultur einerseits, ihre Entgleisungen und ihr Versagen auf der anderen Seite. Meisterleich und in großem Bogen erzählt.

Nun, der große Bogen fehlt in „Wenn das Schlachten vorbei ist“. Die Erzählung reicht zwar weit zurück, aber der Zusammenhang für die primäre Handlung fehlt diesem Bogen letztlich. Die Stränge sind nur historisch und marginal verknüpft. Der Tod des Großvaters im ersten Kapitel vor Anacapa, eine der Channel Islands, ist für die weitere Handlungskausalität irrelavant.

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Die Channel Islands

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Channel Islands: 33.998601, -119.858377

Auf der Insel Anacapa leben Ratten, die die Existenz der auf der Insel brütenden Vögel stark gefährden. Die Channel Islands sind für Tierarten wie die Lummenalke, Hirschmäuse und Taubenteiste so etwas wie die Galápagos-Inseln: endemische Lebensräume, die nicht nur geschützt, sondern auch wiederhergestellt werden müssen.

Die Biologin Alma Boyd, die Enkelin des vor Anacapa Verunglückten, befürwortet und verrichtet die Vernichtung der invasiven Rattenpopulation. Ihrem Wiedersacher Dave LaJoy hingegen ist jedes Tier schützenswert, auch die Ratten. Und er unternimmt alles, um die Pläne von Alma Boyd zu druchkreuzen.

Nach der Vernichtung der Ratten auf Anacapa widmet sich Alma Boyd den Wildschweinen auf Santa Cruz. Der Kampf zwischen den beiden Kontrahenten geht weiter. LaJoy setzt sogar Waschbären, die er in seinem Garten gefangen hat, auf Santa Cruz aus und legt damit den Grundstein einer weiteren invasiven Spezies. Der Versuch von LaJoy und einer Gruppe weiterer Ökoaktivisten, die Wildschweine vor der Vernichtung zu retten ist ein meisterliches Stück Erzählung von T.C. Boyle. Die Nacht, der Regen, der Sturm, das Unglück, das Entsetzen sind so eindrucksvoll beschrieben, dass niemand das Buch weglegt.

Er kann es also noch. Der Roman als Ganzes ist zwar nicht der große Wurf. Aber hie und da blitzt das Genie auf.

Und der Gewinner ist? Nun, im Gegensatz zu „Drop City“ gibt es einen eindeutigen Verlierer. Nicht nur das Ende des Romans setzt hier eine Wertung. Auch bei der Charakterisierung der beiden Protagonisten schlägt das Pendel deutlich in eine Richtung aus. Aber die Waschbären haben eine Zukunft.

Deshalb hat sich an meiner Favoritenliste nichts geändert: Platz 1 „Drop City“, Platz 2 „Grün ist die Hoffnung“ und Platz 3  „Die Frauen“.

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