Simon Alexandre-Clément Denis: Study of Clouds with a Sunset near Rome (1786 - 1801)

Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden

Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden (2013)
Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden (2013)

Nichts von euch auf Erden von Reinhard Jirgl – ein faszinierender, grandioser Science-Fiction-Endzeit-Roman, ein vielschichtiger Plot in eigener Orthographie, aber keine leichte Kost. Jirgl erzählt in unvergesslichen Bildern von Gier und Gewalt, Unterdrückung und Krieg, Leben und Tod in den vom Menschen geschaffenen Lebenswelten des 25. Jahrhunderts.

Der Plot

Im 23. Jahrhundert steigen die Energiepreise ins Unermessliche. Viele Gegenden verarmen. Völkerwanderungen, Raubzüge und Plünderungen setzen ein. Es folgen die letzten Weltkriege, die Sonnen-Kriege um die sonnenintensiven Regionen in Afrika und Asien. Die Welt endet als ein „Lazarett aus Krüppeln und Irren“ (S.24).

Danach separieren sich die Kontinente mittels kontinentaler Barrieren. Fortan bleiben die Völkerschaften in den einzelnen Erdteilblöcken unter sich. Kontinentalwälle sind zugleich die Endstellen für sämtliche Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen. Man hatte erkannt, dass die zwangsintegrative Verschmelzung von Völkerschaften sowie die fortschreitende Vernetzung nur Bedrohung und Aggression hervorrufen.

Gleichzeitig beginnt Ende des 23. Jahrhunderts die Besiedlung des Monds und in dessen Folge die des Planeten Mars. Ähnlich der Kolonisation des australischen Kontinents durch Sträflinge, geschieht die Kolonisation durch evakuierte Menschengruppen, deren „sowohl sozialer als auch psychomentaler Status in problematischen Bereichen rangiert.“  (S.18)

Man versucht, auf dem Mars mittels groß angelegter Luftverschmutzungsprojekte (Terraforming!) eine erdähnliche Atmosphäre herzustellen und hält sich bis dahin unterhalb der Marsoberfläche auf. Die Lebensbedingungen für die Arbeiter sind alptraumhaft und lassen unserer Bilder frühkapitalistischer Industrieproduktion als Erholungsheime erscheinen. Um den Willen der Arbeiter zu brechen werden sie einem Detumeszenz-Gen-Programm unterzogen.

Das D-Gen verbreitet sich jedoch durch eine Unachtsamkeit auch auf der Erde. Die Menschen auf der Erde leben fortan nicht nur friedlich miteinander, sondern in einer stark ritualisierten, distanzierten Weise teilnahmslos nebeneinander.

Jedwede exaltierte emotionale Äußerung gilt als primitiv, unkultiviert, mitunter sogar als Strafdelikt. Alles Übertriebene im Bereich der Emotionalität wird abgelehnt. Was nicht aus freien Stücken einem anderen mitgeteilt wird, danach wird auch nicht gefragt. Durch seitliches Platzieren bei Unterhaltungen verhindert man den direkten Blickkontakt, der als aggressiv und anmaßend betrachtet wird. Entblößte Körperhaut in der Öffentlichkeit zu zeigen gilt als unzivilisiert, obszön und verachtenswert. Körperteile werden deshalb weiß geschminkt.

Die Menschen leben unter einer Imagospäre, einem elektrisch leitfähigem Glasfaserflechtwerk, das die Städte überwölbt und für stabile, von äußeren Klimaten weitgehend unabhängige Witterungsverhältnisse sorgt. Als Färbung des Himmels überwiegt im europäischen Teil als Standard der kollektiven Bewusstseinszustände eine orangerote Abendstimmung

Diese merkwürdige irdische Idylle, die wie ein Paradies am Ende wirkt, wird zerstört, als im 25. Jahrhundert Abgesandte vom Mars auf der Erde landen. Die Expedition E.S.R.A.1  wurde zur Sicherung der Rückkehr der Marsbewohner geschickt, so wie im Alten Testament im ersten Kapitel des Buches ESRA die Juden aus dem babylonischen Exil zurückkehren – ein durchaus heikler Vergleich im Hinblick auf das Romanende.  Nach acht Generationen erweisen sich die Versuche, mittels großindustrieller Giftgasproduktion eine lebensermöglichende Marsatmosphäre zu erzeugen, als unzureichend und zu langsam. Das „Uranus-Projekt“ soll helfen, den Mars bewohnbar zu machen. Mittels gezielter Sprengung soll die Marsachsenneigung korrigiert werden.

Die Abordnung E.S.R.A.1  stellt zunächst auf der Erde die alten Zustände wieder her. Die Grenzen werden platt gemacht und durch das Kontrektations-Gen-Programm, ein genetisches Umgestaltungsprogramm, werden die menschlichen Triebe wieder aktiviert.

Der zunächst namenlose Ich-Erzähler, der später BOSXRKBN 181591481184 heißt, lebt im 25. Jahrhundert auf der Erde.  Er wird Teil der Geschehnisse, die durch die Rückkehr der Marsbewohner ausgelöst werden, und der Leser geht mit ihm auf die Reise durch die Schrecken einer menschlichen Zukunft, die Reinhard Jirgl sprachgewaltig, verstörend und teilweise auch abstoßend in Szene setzt.

Orthographie

Reinhard Jirgl verstärkt den fantastischen, illusionären Plot auch formal durch seine eigentümliche Schreibweise (die ein wenig an Arno Schmidt’s Kaff auch Mare Crisium erinnert):

„Das-Leben hat nur 1 Ziel, den Tod. Allesleben stirbt in=sich=selbst; das-Lebendige will zurückkehren ins-Nichtlebendige, & die-menschliche-Zivilisation ist nur der längste Umweg in den-Tod, den das-Leben sich ersinnen konnte. Denn lange vor dem Leben war das Leblose. Leben, nur 1 Episode in Äonen=Weiten Alles=Leblosen. Als wäre sämtliche Schöpfung konzipiert gewesen nur für 1 Saison, und danach !Schluß, Ende der Epi-Sode. […] !Dies war das Ergebnis nicht von Spekulationen, schon gar nicht der Ausdruck melankolisch=nekrofiler Befindlichkeitvon Schwermütigen, sondern 1mal das-Resultat naturwissenschaftlicher Untersuchungen. […] ?Sollte das-primum-vivere gar das älteste ??Mißverständnis sein, ?nicht fundamentale Wahrheit sondern ?Ableger nur 1 kindischen über Sovielejahrtausende-hinweg festgebrannten Vorwärts=Mentalität….. […] In=Wahrheit: !Nichts hinter dieser Wahrheit. !Garnix. Allesleben = ?Irrtum : ?kein Gott, ?kein Goldenes-Zeitalter, ?nichtmal Arten-Entwicklung, ?keine Gesetzmäßigkeiten im Werden, ?keine Erlösung – Alles was jetzt&hier ist, Alles was je kommen wird :  […] Tiefe tiefste Ratlosigkeit…..“ (S.100)

Intertextualität

Die literarische Vielschichtigkeit des Romans spiegelt sich nicht nur in der eigenen Orthographie, den Handlungssträngen und den Motiven wider, die unschwer an medizinische Versuche des Holocaust und Konzentrationslager erinnern. Reinhard Jirgl setzt durch eine Vielzahl intertextueller Bezüge die menschliche Zukunft seines Romans in direkten Bezug zur kulturellen Geschichte des Menschen.

Reinhard Jirgl auf der Leipziger Buchmesse 2013
Reinhard Jirgl im MDR Interview auf der Leipziger Buchmesse 2013

Der alttestamentliche Bezug zum Buch Esra wurde bereits erwähnt. Zitate leiten Kapitel ein und kommentieren die Rückkehr und Machtübernahme der Marsianer.

Mit dem „Recht auf den einen Mord pro Lebenszeit“ (S.477), den der Erzähler an der Person seiner Mutter in Anspruch nimmt, verwebt Jirgl den Ödipus-Mord der griechischen Mythologie mit dem Brutus-Mord der römischen Geschichte. Gleichzeitig provoziert Jirgl mit einer utopischen Gesellschaftsordnung, in der ein Mord als Basis friedfertigen Zusammenlebens legitimiert ist.

Die menschliche Grausamkeit wird schließlich durch das massenhafte Verspeisen von lebendigen, sedierten Kleinkindern zur Vermeidung von Nahrungsmittelknappheit auf dem Mars  ins Unermessliche gesteigert.  „Das-Ernährungsproblem, die Überbevölkerung, die Armut  – Alles=auf-1-Streich !gelöst.“ (S.432) So grausam und ekelerregend diese Passagen auch sind: Jirgl greift hierbei nichts anderes als die Satire A Modest Proposal: For Preventing the Children of Poor People in Ireland from Being a Burden to Their Parents or Country, and for Making Them Beneficial to the Publick von Jonathan Swift aus dem Jahr 1729 auf. Deshalb heißt das Mars-Restaurant auch „Jonathan’s“ .

Empfehlung

Nichts von euch auf Erden von Reinhard Jirgl ist kein Buch, mit dem man gerne die erste Frühlingssonne genießt, es ist auch kein Buch, das man gerne im Sommerurlaub liest und Abends im Bett bietet es keine Entspannung. Vielmehr kann man sich die eine oder andere Stunde mit dem Buch vermiesen.

Und dennoch, es lohnt sich, weil die Geschichte so ungeheuerlich ist, und weil man weiß, dass da nicht jemand nur über die Zukunft geschrieben hat, sondern sich auch formal und sprachlich in die Zukunft bewegt hat. Und so erschreckend und abstoßend diese post-humane Zukunft, die Jirgl da virtuos entworfen hat, auch sein mag, so stringent und nachvollziehbar hat er das Szenario letztlich auch zusammengesetzt. Das Buch weglegen hieße letztlich, die Augen vor einer möglichen Zukunft zu verschließen.

Bildnachweis
Literaturhinweis

Reinhard Jirgl: Nichts von euch auf Erden
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-24127-5
Erschienen am: 25.02.2013
512 Seiten, Fester Einband
Deutsche Nationalbibliothek: http://d-nb.info/1029098999

 

2 Gedanken zu „Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden“

  1. Hallo Werner,

    danke für Deine philosophische, kritische und reizvoll bebilderte Besprechung einer wohl wuchtigen Roman-Dystopie. Wenn ich mich nicht täusche, liegen hier manche fiktiv-apokalyptische Extrapolationen der Gegenwart mitsamt ihrer Vergangenheit vor. Gibt es in dem Buch auch eine marsianische oder gar irdische Geschichte von Liebe und Freundschaft? Erzählt Jirgl etwas von der Sphäre der Musik?

    Fragt herzlich grüßend
    Bernd

    1. Hallo Bernd,
      Musik spielt in dem Roman keine Rolle. Die irdische Liebe ist ähnlich ritualisiert wie das bereits beschriebene menschliche Miteinander. Nachdem man Den-Bund eingangen ist trennen sich Die-Eine (DIE) und Der-Eine (DER) für die restliche Lebenszeit. Auf dem Mars ist das etwas anders.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.