Patti Smith: My Blakean Year: Dachau (2012-07-12)

Patti Smith – Banga

Smith, Patti: Banga (2012)
Smith, Patti: Banga (2012)

„Bei einer Wendung blieb er plötzlich stehen und stieß einen Pfiff aus. Als Antwort erscholl in der Dämmerung tiefes Gebell, und aus dem Garten kam ein mächtiger Hund mit spitzen Ohren, grauem Fell und einem Halsband mit Goldbeschlägen auf den Balkon gesprungen. ‚Banga, Banga‘, rief der Prokurator schwach.“ 1)

Der Prokurator ist Pontius Pilatus aus Michail Bulgakows Jahrhundertbuch „Der Meister und Margarita“ (geschrieben 1928 bis 1940, veröffentlicht 1966/67). Patti Smith hat ihr neues Album nach diesem Hund benannt, dem ihrer Meinung nach treuesten Hund der ganzen Literaturgeschichte. „Banga legte sich […] seinem Herrn zu Füßen, und die Freude in seinen Augen kam daher […], daß er wieder bei dem Mann war, den er liebte, achtete und für den Mächtigsten der Welt ansah, für den Beherrscher aller Menschen, wodurch er auch sich für ein privilegiertes, höheres und besonderes Wesen hielt.“ 2)

Smith, Patti: Banga (2012): Patti Smith auf der Costa Concordia - Bookletimage 1
Smith, Patti: Banga (2012): Patti Smith auf der Costa Concordia – Bookletimage 1

Dieses Album (erschienen am 01.06.2012) ist eine Mischung an Ideen, Geschichten, Kulturgeschichte und den Gedenken Verstorbener. Die Grundidee zu diesem Album entstand bereits 2008. Sie wurde 2009 weiterentwickelt, als sie mit Lenny Kaye, ihrem langjährigen Gitarristen, und dem Filmemacher Jean-Luc Godard auf der „MS Costa Concordia“ aufgrund von Dreharbeiten zum Film „Socialisme“ durch das Mittelmeer kreuzte. Das gleiche Schiff, das knapp 3 Jahre später vor der Insel Giglio leck schlug. 2008 also las Patti Smith Bulgakow und ihr gefiel der Hund Banga und es entstand der Titelsong dieser neuen CD. Während einer Tournee in Russland im selben Jahr entstand auch April Fool, eine Hommage an Nikolai Gogol, und Tarkowsky ist inspiriert druch Andrei Arsenjewitsch Tarkowskis ersten Film „Iwans Kindheit“ (1962).

Im weiteren entstanden Maria in Gedenken an die Schauspielerin Maria Schneider († 3. Februar 2011), Fuji-san in Gedenken an das große Tōhoku-Erdbeben vom 11. März 2011 und This is the Girl in Gedenken an Amy Winehouse († 23. Juli 2011), deren Stimme und Einzigartigkeit sie bewundert.

Jan Kedves hat in seiner Plattenkritik in der „Süddeutschen“ vielleicht zurecht darauf hingewiesen, dass Johnny Depp ein bisschen auf sich aufpassen sollte. Patti Smith schrieb für ihren berühmten Freund, der am 9. Juni Geburtstag hat, das Lied Nine, und da gibt es die Zeile: „We will die a little“. Jack Sparrow lebt gefährlich.

Johnny Depp ist aber nicht nur ein guter Freund von Patti Smith, sondern wohl auch ein guter Musiker. Bei dem Titelsong Banga spielt er Gitarre und Schlagzeug. Als weitere Gastmusiker sind zu hören Tom Verlaine, der Gründer der legendären New Yorker Band Television, Jack Petruzelli, ihr Sohn Jackson Smith (übrigens verheiratet mit Ex-White-Stripes-Drummerin Meg White) und ihre Tochter Jesse Smith. Den Kern der Band bilden neben Patti Smith und Lenny Kaye –  Jay Dee Daugherty am Schlagzeug und Tony Shanahan am Bass und an den Keyboards.

„Banga“ zeugt von einem reichhaltigem, abwechslungreichem Leben. Patti Smith ist seit je her viel unterwegs, politisch und künstlerisch aktiv, und das in allen Facetten. Sie ist jetzt 65 Jahre alt und klingt stimmlich unvorstellbar frisch. In einem Interview mit dem „Rolling Stone“ berichtet Patti Smith über ihre Disziplin und dass sie auf Alkohol, Zigaretten, Kaffee und Tomatensauce verzichtet. Man könne nicht alles haben, Tomatensauce und eine gute Stimme. Schlimme Tomatensauce. Das war mir so noch nicht klar.

Die neue Platte ist – im Gesamten betrachtet – ruhiger als frühere Werke. Ein wirklich schönes Stück ist Seneca: gehauchter Gesang, akustische Gitarre und im Hintergrund Geigenspiel. Constantine’s Dream – mit 10:19 das längste Stück auf der Platte -, geht einen Schritt weiter in seiner Intensivität: ein ebenfalls vordergründig recht leises und ruhiges Stück. Aber Patti Smith demonstriert hier eindrucksvoll ihren bekannten beschwörerischen Gesangsstil, begleitet von wimmernden Geigen und Lenny Kaye’s einfühlsamen, intensiv und gleichzeitig verhalten produzierten Gitarrenspiel. Einfach super!

Weniger gelungen sind This Is The Girl, der Gedenksong an Amy Winehouse, der musikalisch ziemlich belanglos daherkommt, und After The Goldrush, ein Coversong von Neil Young. Das gehört einfach verboten. Was soll denn dieser alberne Kinderchor? Betroffenheit hin oder her: das erinnert an Michael Jacksons Heal The World oder an das oberpeinliche America The Beautiful von Neil Young.

Hingegen fetzig und rockig die Stücke Fuji-san und Banga. Mein absolutes Highlight dieser Platte ist das psychedelische Tarkowsky (The Second Stop Is Jupiter), ein typischer Patti Smith Song mit genial unterlegtem Sprechgesang.

Patti Smith im Interview mit CBC Radio-Canada und im Anschluss (bei 2:15) „Tarkowsky“

Nachfolgend noch zwei Videos vom Konzert in Dachau am 12.07.2012.

„My Blakean Year“ vom Album „Trampin'“ (2004), live in Dachau
„Fuji-san“ vom neuen Album „Banga“, ebenfalls live in Dachau

Quellen: 1) + 2): Bulgakow, Michail: Der Meister und Margarita: München, 2008: S.386f

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