Niki de Saint Phalle: A mon ami Jean-Jacques, un oiseau qui s'est envolé trop tôt, Niki (1998) - Header 1

Niki de Saint Phalle – A mon ami Jean-Jacques, un oiseau qui s’est envolé trop tôt

Paris ist bekannt für seine Gräbertouristen. Gleich zwei Friedhöfe warten mit einer Vielzahl berühmter Verstorbener auf. Auf dem größten Pariser Friedhof, dem „Cimetière du Père Lachaise“, liegt genre- und epochenübergreifend eine Berühmtheit neben der anderen: Eugène Delacroix, Gilles Deleuze, Max Ernst, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Molière oder Jim Morrison. Auf dem etwas kleineren „Cimetière Montparnasse“ sind u.a. Simone de Beauvoir, Samuel Beckett, Eugène Ionesco, Man Ray und Jean-Paul Sartre begraben. Übersichtstafeln und Friedhofspläne helfen den Gräbertouristen bei der Ausübung ihres Totenkults. Nirgends aber findet sich ein Hinweis auf diese Skulptur von Niki de Saint Phalle.

Der Besuch eines Friedhofs stand nicht auf meiner Liste der Sehenswürdigkeiten, die ich unbedingt in Paris sehen wollte. Eher aus Trotz wollte ich deshalb das Grab von Eugène Ionesco sehen, nachdem ich über dessen Theaterstücke meine Magisterarbeit geschrieben hatte. Auf dem Weg zurück zum Ausgang dann dieser Überraschungsmoment: eine Skulptur von Niki de Saint Phalle.

Die Figur, ein großes, vogelähnliches Wesen, sticht heraus aus den Grabplatten und Grabsteinen. Kurze Zweifel, ob es sich tatsächlich um eine Skulptur von Niki de Saint Phalle handelt, sind schnell beseitigt, denn an der Frontseite der Sockelplatte steht als Inschrift “A mon ami Jean-Jacques, un oiseau qui s’est envolé trop tôt” Niki (deutsch: Für meinen Freund Jean-Jacques, ein Vogel, der zu früh flog). Das Wort „Niki“ zeigt zudem eindeutig ihre Handschrift.

Fotos: Werner Gensmantel

Das ist der Tat dann ein bewegender Moment. Jean- Jacques kann nur ihr Mann Jean Tinguely sein, mit dem sie so wunderbare Werke wie den Strawinsky-Brunnen in Paris oder den Tarot Garten in der Toskana geschaffen hat. Der Strawinsky-Brunnen hatte mich so begeistert, dass ich 1990 einen Teil der Brunnen-Objekte von Niki de Saint Phalle aus Pappmaché nachmodelliert hatte (Fotos dieser Modelle siehe „Objekte“).

Die Skulptur erinnert im Aufbau an Gemeinschaftsarbeiten wie „L’Amour / Die Liebe“ und „La Mort / Der Tod“ des Strawinsky-Brunnens. Ein kreatürlicher, plastischer (weiblicher) Teil kontrastiert mit einer (männlichen) Metallkonstruktion. Kopf, Flügel und Schwanz sind aus einem silbernen Spiegelmosaik gefertigt. Nur der Schnabel (gold) und die beiden Augen (links blau und rechts rot) sind farbig. Den Körper und die Beine bilden eine schwarze Metallkonstruktion.

Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle beim Strawinsky Brunnen (1982)
Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle beim Strawinsky Brunnen (1982)

Jean Tinguely starb 1991 in Bern und ist auch in der Schweiz, auf dem Friedhof von Neyruz begraben. Er handelt sich hier also nicht um das Grab von Jean Tinguely. Nach Informationen der Niki Charitable Art Foundation ist die Skulptur auf 1998 zu datieren. Folglich muss es sich hier um eine Gedenkskulptur für ihren Mann Jean Tinguely handeln.

Niki de Saint Phalle (2000)
Niki de Saint Phalleam am 17.11.2000 im Sprengel-Museum in Hannover (Foto: teutopress GmbH)

Niki de Saint Phalle starb 2002 im Alter von 71 Jahren in La Jolla in Kalifornien.

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Gedenkskulptur Oiseau Pour Jean-Jacques

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Gedenkskulptur Oiseau Pour Jean-Jacques 48.839063, 2.329001 Gedenkskulptur Oiseau Pour Jean-Jacques auf dem Friedhof von Montparnasse

Weblinks

 

2 Gedanken zu „Niki de Saint Phalle – A mon ami Jean-Jacques, un oiseau qui s’est envolé trop tôt“

  1. Hallo Werner,

    vielen Dank für dieses Fundstück – eine entzückende Skulptur, der spiegelnde Vogel.

    Neben dem Brunnen in Paris mochte ich auch den Fasnachtsbrunnen in Basel, wo es einiges von Jean Tinguely zu sehen gibt.

    Das Schaffen von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle ist erstaunlich und bleibt ein offenes Kunstwerk. Dabei fällt mir der Satz ein von Eugène Ionesco:

    „Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? Ich warte, daß man es mir erklärt.“

    Schöne Grüße
    Bernd

  2. Lieber Herr Gensmantel

    Ich habe diese schöne Vogel-Skulptur von Niki de Saint Phalle auf dem Cimetière Montparnasse erstmals im Sommer 1999 gesehen und dieser Tage anlässlich eines Aufenthaltes in Paris erneut besucht.
    Im Gegensatz zu Ihnen bin ich nicht der Meinung, dass es sich hier um eine Gedenkskulptur für Jean Tinguely handelt. Tinguely hiess Jean, gemäss Lexikon der zeitgenössischen Schweizer Künstler von 1981 auch Jean-Charles und wurde auch Jeannot genannt, nicht aber Jean-Jacques. Auch hätte Niki meiner Meinung nach auf einer Gedenkskulptur für ihren verstorbenen Gatten „A mon mari“ und nicht „A mon ami“ geschrieben. Auch bezüglich der Datierung der Skulptur auf 1998 habe ich Zweifel. Auf der Hinterseite der Sockelplatte steht von links nach rechts: 137 PA 1992 Marcel Schmit . Bei Schmit könnte es sich um einen Mitarbeiter von Niki handeln, der die Skulptur nach den Entwürfen der Künstlerin ausführte, bei 137 PA möglicherweise um eine interne Werknummer und bei 1992 um die Datierung.
    Mit freundlichen Grüssen
    Kurt Zimmermann

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