Bad Seeds performing at the final live rehearsal of Push The Sky Away in Brighton on 8th February 2013.

Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away

Cave, Nick & The Bad Seeds: Push The Sky Away (2013)
Cave, Nick & The Bad Seeds: Push The Sky Away (2013)

Robert Johnson hat der Legende nach seine Seele dem Teufel verkauft und wurde von diesem im Gegenzug in die Geheimnisse des Gitarrenspiels eingewiesen. Im Gottesteilchen-Blues gabelt der Erzähler diesen Robert Johnson auf. Der Erzähler ist auf dem Weg nach Genf, um am dortigen Kernforschungsinstutut nach dem Rechten zu sehen. Johnson steht, eine 10-Dollar Gitarre auf dem Rücken, an einer Kreuzung. Die Runde vervollständigt der Teufel und gemeinsam singen sie schließlich im Auto den „Higgs Boson Blues“. Danach wird es kompliziert. Die Reise endet mit Hannah Montana, der Hauptfigur einer Disney-Fernsehserie, die in ihrem Pool in Toluca Lake treibt, während die Welt um sie herum auseinander fällt. Laut Cave eine Reise durch verschiedene Varianten geistigen Verfalls. „I’m driving my car down to Geneva. Oh let the damn day break. The rainy days always make me sad.“

Zunächst war ich ja ziemlich enttäuscht von der neuen Platte. Nur der „Higgs Boson Blues“ erfüllte meine Erwartungen. Ein wunderbarer Blues, dazu die phänomenale Stimme von Cave. Der Rest, nun ja, alles deutlich ruhiger als die vorangegangen zwei Grinderman Alben. Das wäre ja auch o.k. gewesen. Aber mir fehlte die Nähe zu den wirklich großen Songs. Wer hofft nicht auf weitere großartige Songs wie „Stagger Lee“, „Where the Wild Roses Grow“, „Do You Love me?“ oder „The Weeping Song“? Perlen der Musikgeschichte. Aber Streichereinsätze und die eine oder andere Chorpassage versperrten mir den Zugang zu Push The Sky Away.

Es wurde viel diskutiert, ob es sich bei Push The Sky Away um ein Alterswerk handelt oder nicht? Und ob das nun gut sei oder nicht? Welche Rolle spielen die Bad Seeds als Band von Nick Cave und welche Rolle spielt Grinderman? Was durfte Grinderman, was die Bad Seeds nicht dürfen, und warum dürfen sie nicht? Und was bedeutet der Weggang von Blixa Bargeld und wie ist die neue Rolle von Warren Ellis? Und hat das eine etwas mit dem anderen zu tun?

Bad Seeds 2013: from left: Martyn Casey, Warren Ellis, Nick Cave, Thomas Wydler and Jim Sclavunos
Bad Seeds 2013: from left: Martyn Casey, Warren Ellis, Nick Cave, Thomas Wydler and Jim Sclavunos

Fragen über Fragen. Aber sehr erhellend waren  die Details nicht, die infolge der Interviews mit Nick Cave veröffentlicht wurden. Da wäre z.B. die Wikipedia-Geschichte. Cave erzählt, dass er ein starkes visuelles Verlangen hat, dass er sich seine Songs bildhaft vorstellen können muss. Deshalb recherchiert er für seine Texte Details zu Handlungsorten, zeichnete in der Vergangenheit auch schon mal Stadtpläne und Landkarten. Heute hingegen liefern das Internet und speziell Wikipedia diese Informationen. Immer einen Mausklick weiter und schon findet sich das nächste Puzzle-Teilchen. Cave verliert sich im Internet und ihn stört es dabei nicht, ob die Informationen verlässlich sind oder nicht. Für den künstlerischen Prozess ist das mehr als legitim. Keine Frage. Und für den Rezipienten mögen diese Informationen auch interessant sein. Aber wenn Cave im gleichen Interview zitiert wird, dass er fast alle Geschichten, die er in seinen Songs neuerdings erzählt, durch die Fenster seines Hauses in Brighton beobachtet hat, dann sind wenigstens die Artikel irgendwie belanglos. Oder benutzt Cave etwa Google Glasses?

Belanglos letztlich auch die letzte Anekdote bezüglich Schaeffensprozess. Seit Cave abstinent lebt, wacht er nachts um zwei oder drei Uhr auf und notiert sich Ideen in sein Skizzenbuch. Und wenn er dann morgens aufwacht, stellt er oft fest, dass er sich die Mühe gar nicht hätte machen müssen – so banal lesen sich oft seine Aufzeichnungen.

Nun aber zurück zur Platte. Nach mehrmaligem Anhören kann ich zwar immer noch auf diverse Streicher und Chöre verzichten, aber ich finde immer mehr Gefallen an dieser reduzierten, leisen Platte. Alles ist sehr akzentuiert arrangiert. Die Band ist heruntergestimmt auf einzelne Instrumente, ja gar auf einzelne Töne. Der Bandsound rückt in den Hintergrund. Den klanglichen Boden bilden die Loops von Warren Ellis, auf dem sich die einzelnen Töne der Instrumente und vor allem Caves Stimme in unglaublicher Deutlichkeit entfalten können. Sie erhalten Raum, werden nicht überlagert. Kein Ton ist zuviel. Flöte und und Gitarre in „We No Who U R“, Piano in „Wide Lovely Eyes“ oder Bass, Piano und Violine in „Water’s Edge“.

Etwas wuchtiger geht es bei dem phänomenenalen „Jubilee Street“ zu. Die Rotlichtgeschichte aus Brighton beginnt langsam und bedächtig mit Gitarre und Schlagzeug. Dann kommt eine Violine hinzu, das Stück gewinnt an Lautstärke und Dringlichkeit und steigert sich nach und nach zu einem grandiosen Finale. „We Real Cool“ dominiert ein knarziger Bass und ein deklamierender Cave, begleitet von einzelnen Pianoakkorden und Violinen.

Das folgende „Finishing Jubilee Street“ ist wohl das ungewöhnlichste Stück der Platte. Es ist nicht wirklich Musik. Eher ein Klangerlebnis. Basierend auf einer sich wiederholenden Schlagzeugsequenz und einer minimalistischen Gitarre schleichen sich ein wummerender Bass, filigrane Gitarrenklänge und Synthesizersounds – und leider auch ein Chor – ins Gehör. Man sollte „Finishing Jubilee Street“ möglichst laut und vielleicht auch mehrmals hintereinander hören.

Nach der einen oder anderen Dauerschleife ist Push The Sky Away also doch ein absolut faszinierendes Album. Und mit „Higgs Boson Blues“ und „Jubilee Street“ hat die Platte auch zwei wirklich große Songs.

 

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