Young, Neil (Credit: Pegy Young)

Neil Young – Ein Hippie-Traum

Young, Neil: Ein Hippie Traum (2012)
Young, Neil: Ein Hippie Traum (2013)

Neil Young war 66, als er seine Autobiografie Waging Heavy Peace 2012 veröffentlichte. Die deutsche Taschenbuchausgabe Ein Hippie-Traum erschien ein Jahr später im November 2013. Ich habe 36 Platten von Neil Young: solo, mit Crosby, Stills, Nash and Young, mit den Stray Gators, Blue Notes, Volume Dealers, Pearl Jam und natürlich mit Crazy Horse. Es ist also naheliegend, die Autobiografie eines Musikers zu lesen, dem ich schon so lange und so intensiv folge.

„Nicht, dass es etwas zu bedeuten hätte, aber ich habe mit dem Rauchen und Trinken aufgehört.“ Aber natürlich hat es etwas zu bedeuten. Den Entschluss, keine Drogen mehr zu nehmen, traf Neil Young auf Anraten seines Arztes, der in seinem Gehirn erste Anzeichen einer Veränderung feststellte. Sein Vater wurde mit 75 Jahren dement, und Neil Young hat Angst, dass ihn das gleiche Schicksal ereilt. Das Buch sollte somit auch eine Art Therapie sein. Denn mit dem Entzug kommt auch die Unfähigkeit neue Songs zu schreiben.

Drogen

„Wenn ich einen Song schreibe, steht am Anfang immer ein Gefühl. Ich höre irgendetwas in meinem Kopf oder spüre es im Herzen. Dann kann es passieren, dass ich mir einfach die Gitarre greife und blind drauflosspiele. So fängt es mit vielen Songs an. Wenn man es so macht, denkt man nicht nach. Denken ist Gift, wenn man einen Song schreiben will. Man fängt einfach an zu spielen, und es kommt einem irgendetwas Neues. Woher es kommt? Wen kümmert das?“ Der kreative Prozess Neil Youngs war bis dahin immer begleitet und initiert durch Cannabis und andere Drogen. „High sein hieß für mich immer, die Realitäten der einen Welt zu vergessen und in eine andere Welt abzudriften, die Musikwelt, wo alle Melodien und Texte in einer unberechenbaren und zufälligen Art zusammenkommen wie ein Geschenk.“

Young Neil with Crazy Horse: Psychedelic Pill (2012)
Young Neil with Crazy Horse: Psychedelic Pill (2012)

Das Unvermögen, ohne Drogen neue Songs zu schreiben, wird im Buch immer wieder thematisiert. „Wie es aussieht, stehe ich also gerade auf einem Song-Loch.“ Seltsam ist nur, dass das geniale Doppelalbum Psychedelic Pill nur einen Monat nach er Autobiografie im Oktober 2012 erschien.

Trauer

Neil Young hat auf seinem musikalischen Weg viele seiner Freunde verloren. „Mir wird bewusst, dass ich andauernd über Menschen schreibe und an Menschen denke, die gestorben sind. Ich liebe das Leben.“ Er trauert diesen Freunden und Freundschaften nach: Danny Whitten (Gitarrist von Crazy Horse, der sich an dem Tag eine Überdosis verpasste, als Neil Young ihn aus der Tourband warf, für den „The Needle And The Damage Done“ geschrieben wurde und dessen Tod Neil Young in „Tonight’s The Night“ verarbeitete), David Briggs (Produzent u.a. von After the Gold Rush), Tim Drummond (Bassist u.a. auf Harvest), Jack Nitzsche (Poduzent, „Wall of Sound“), Larry Johnson (Filmproduzent u.a. Rust Never Sleeps).

Wenn Neil Young die Geschichten seiner muskíkalischen Stationen erzählt, den Wohnorten in Ontario, Los Angeles, San Francisco oder Laurel Canyon, den Studios, Hotels, Auftritten, Tourneen, Musikern, dem Kommen und Gehen, dann liest sich das Buch für den Musikinteressierten durchaus spannend. Weniger prickelnd sind dann die anderen Geschichten, die Geschichten seiner doch eher skurilen Projekte, in die er auf verschrobene Art und Weise sehr viel Zeit und Geld steckt.

Lionel

Zwei seiner Söhne kamen behindert zur Welt. Ben, sein jüngster Sohn, leidet an zerebraler Kinderlähmung. Für ihn baute er auf der Broken Arrow Ranch eine riesige Anlage der Modelleisenbahn Lionel auf. Da sein Sohn die Anlage selbst nicht bedienen konnte, entwickelte Neil Young zunächst eigene einfache Bedienelemente. Später arbeitete er an der Entwicklung des Soundsystems der Eisenbahn mit. Neil Young beteiligte sich finanziell an der Firma und meldete mit seinen Partnern einige Patente an. Neil Young besitzt heute eine der größten Modelleisenbahnsammlungen.

LincVolt

Neil Young liebt große Autos und hat eine riesige Oldtimer-Sammlung. „In großen Autos lange Strecken zu fahren, ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.“  Aber er weiß, dass diese Autos mit ihrem immensen Spritverbrauch nicht mehr in die heutige Zeit passen. LincVolt ist ein 2008 gestartetes Projekt, mit dem Neil Young beweisen will, dass man einen Straßenkreuzer auch in ein Elektroauto umbauen kann. „Nicht alle wollen ein kleines Auto, also müssen große Wagen und Pickups umfreundlich werden.“

LincVolt: 1959er Lincoln-Continental-Cabrio
LincVolt: 1959er Lincoln-Continental-Cabrio

„Repowering the American Dream“ heißt das dann. Neil Young ist der Geldgeber dieses Projekts und immer wieder mit seinem 1959er Lincoln-Continental-Cabrio auf Werbetour. Und als Finanzier hat er auch schon einiges Geld in den Sand gesetzt. Auf seine Kosten haben einige Leute in einem Frühstadion des Projekts daran gearbeitet, Wasser als Treibstoff nutzbar zu machen. „Die Typen, mit denen ich zusammenarbeitete, meinten, es könnte gehen. Bis schließlich Licht in die Sache kam.“ Nun ja.

Pono

„Wenn ein Song richtig Pech hat, muss er sein Dasein als MP3-Datei mit nicht mal fünf Prozent seines ursprünglichen Klangs fristen.“ MP3 ist nützlich für unterwegs, für Internet Radio, zu dem Neil Young auch die Streaming Dienste wie Spotify, Rhapsody oder Pandora oder auch iTunes zählt. Aber „Musik ist ein Sturm der Sinne“ und ein neuer Standard soll dem Hörer Studioqualität zur Verfügung stellen. Pono (ursprünglich „Pure Tone“) soll der neue digitale Standard für Audio Files werden. Neil Young war deshalb in engem Kontakt mit Apple – angeblich auch direkt mit Steve Jobs – und hat Apple High-Resolution-Masterbänder zur Verfügung gestellt, damit man dort herausfindet, wie man aus dem iPod einen besseren Klang herausbringen kann. Inzwischen verhandelt er mit Sony. Neil Young soll schon eine halbe Million Dollar in die Entwicklung von Pono gesteckt haben. Mit dem Pure Tone Player kann man eine Musikdatei in Pure Tone Qualität, aber auch in CD- oder MP3-Qualität abspielen. Angeblich sind diese Demos, die Neil Young gerne bei LincVolt-Demofahrten vorführt, sehr überzeugend.

Der Speicherbedarf solcher Musikfiles soll jedoch sechs mal so groß sein wie der einer WAV-Datei. Ein fünf Minuten langes Stück hat als WAV ca. 50 MB, ein Pono-Soundfile hingegen benötigt für die gleiche Spieldauer ca. 300 MB.

Unabhängig jedoch von der vielleicht tatsächlich möglichen theoretischen Soundqualität dieses Audioformats stellt sich mir die Frage nach der dafür notwendigen Lautsprecherqualität. Wer hat denn heute noch Geld oder Platz für gute Lautsprecher? Auf Bass und Höhen getrimmte Surroundanlagen wären wohl nicht die richtigen Wiedergabegeräte. Und wer hat gute Lautsprecher am Rechner angeschlossen? Selbst meine Bose Lautsprecher (Hifi Test: Referenzklasse) halten keinen Vergleich mit halbwegs guten Standlautsprechern stand.

Neil Young soll übrigens auch die Entwicklung des HDCD-Formats (High Definition Compatible Digital) mit voran getrieben haben. Ein paar meiner Neil Young CDs sind im HDCD-Format. Und genau diese CDs kann ich am Rechner nicht hören – egal mit welcher Software – der Rechner steht still, bis die CD wieder aus dem Laufwerk ist.

Wer sollte das Buch lesen?

Wer mehr als 20 Neil Young Platten hat und ein paar Kapitel über Modelleisenbahnen einfach wegstecken kann. Das werden nicht viele sein.

Bildnachweis
Literaturhinweis

Neil Young: Ein Hippie-Traum
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Jacobs, Michael Kellner und Hans-Ulrich Möhring
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04552-9
Erschienen am: 07.11.2013
480 Seiten, Taschenbuch
Deutsche Nationalbibliothek: http://d-nb.info/1034784684

 

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