Hans Artmann: Brüder von Mücke (Header) (2014)

Kofelgschroa und Maler Hans Artmann in Nürnberg im Club Stereo 2015

„Schön, dass ihr da seids.“ Das war es an Begrüßung durch Maxi Pongratz. Der Auftritt von Kofelgschroa im ausverkauften Club Stereo am 24. Januar 2015 in Nürnberg beginnt gewohnt schlicht und unprätentiös. Und bereits die ersten Takte mit Akkordeon und akustischer Gitarre von „Leit do“ entführen die Zuhörer in die wunderbare Musikwelt von Kofelgschroa. Volksmusikalische Klänge, die einen sonst so unangenehm berühren, bereiten eine Atmosphäre, auf die man sich gerne einlässt.

Unterwegs

Alles klingt vertraut wie anno 2012, als das Debutalbum erschien. Doch das Phänomen Kofelgschroa, das sich über eine lange Zeit eher regional begrenzt zeigte, weitet sich aus. Im Frühjahr 2014 verließen sie die bayerische Heimat und machten gemeinsam Urlaub in den USA. Um sich inspirieren zu lassen, besuchten sie dort unter anderem das South by Southwest Festival in Austin (= SXSW), das größte Live-Musikevent der Welt. Sie waren keine der 2.000 Bands, die dort offiziell auftraten, aber sie spielten in Parks, in Studentenbuden, in Hinterhöfen oder auf der Straße. (1) Ein Jahr später, im März 2015, während des SXSW, werden sie wieder in Austin spielen, diesmal im „Deutschen Haus“ auf Einladung einer studentischen Kooperative der „University of Texas at Austin“.

Hans Artmann: Akkordeon (Maximilian Pongratz) (2015)
Hans Artmann: Akkordeon (Maximilian Pongratz) (2015)

Im November 2014 waren Kofelgschroa in Peru. Dort traten sie in Lima beim Festival Internacional de Música de Alturas auf. Das war die erste Ausgabe eines internationalen Musikfestivals, bei dem die teilnehmenden Bands allesamt aus Ländern mit Hochgebirgen (= Alturas) stammen: den Anden, dem Himalaya und den Alpen. Kofelgschroa aus den „Alpes Bávaros“ sind laut Programmheft vier junge Musiker, die „la música folklórica, el dialecto bávaro y la música pop“ auf wunderbare Weise vereinen. An drei Tagen präsentieren Musiker aus Argentinien, Kolumbien, Chile, Bolivien, Frankreich, Italien, Schweiz, Deutschland und Indien Hochlandmusik. Die Musiker von „Rabab Instrumental Group“ aus Kaschmir hatten „angsteinflößende Schnauzbärte“ (2) und es dauerte etwas, bis sich die Kaschmiri und Maxi Pongratz sympathisch geworden sind, die Sprachbarriere überwunden hatten und zusammen musizierten.

Zu Hause

Kofelgschroa schnuppern an der großen weiten Welt. Aber ihre Musik ist noch immer „eine in der Abgeschiedenheit gewachsene Sondermusik“. (3) Kofelgschroa machen keinen Folklore-Crossover-Polka-Mix. Ihre Wurzeln liegen immer noch in Oberammergau, musikalisch und textlich. SXSW mag die größte Musikmesse sein, aber zu Hause vertrocknet die Blume, weil man nicht da ist:

Ich habe eine Blume gepflegt und gegossen / und irgendwann habe ich mit der Pflege abgebrochen. – / Bin verreist. […] Und als ich zurück gekommen, / du dalagst ohne Reaktion.

Und das Zuhause ist nicht nur den schnauzbärtigen Kaschmiri schwer zu vermitteln, sondern manchmal auch den Konzertbesuchern im nicht bayerischen Deutschland.

Hans und Liesl

Hans Artmann: Maxi Pongratz (2015)
Hans Artmann: Maxi Pongratz (2015)

Maxi Pongratz erzählt in einer der längeren Song-Überleitungen, dass die meisten Deutschen Oberammergau nach seiner Erfahrung leider nicht wegen seiner alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele (an denen die Musiker von Kofelgschroa auch schon teilgenommen haben) kennen würden, sondern wegen des Liedes „Ob er aber über Oberammergau“. Bei näherer Betrachtung sei der Liedtext aber fragwürdig, denn es gäbe keinen Ort, von dem aus es für Liesl unklar sein könnte, ob Hans nun über Oberammergau oder Unterammergau käme. Geographisch käme für Liesls Standort nur das zwischen Oberammergau und Unterammergau liegende Naturschutzgebiet „Pulvermoos“ in Frage. Dort könne Liesl aber nicht wohnen. Und ein Ort wie beispielsweise Murnau, den man tatsächlich wahlweise über Unterammergau und Bad Kohlgrub oder Oberammergau und Oberau erreichen könne, wäre zu weit weg, denn Liesl ist ja dem Lied zufolge zu Fuß unterwegs.

Maxi Pongratz mäandert durch seine Erzählung und seine Erläuterungen ähneln den Liedern von Kofelgschroa, die wie Sprachspiralen im Raum kreiseln. Mit der zweiten CD Zaun ist das Repertoire an solchen Songs gewachsen. Bei „Leit do“, „Hausnamen“, „Zaun“, „Wann i“ und „Bladl“ werden die Stimmen von Maxi Pongratz, Michael von Mücke und Matthias Meichelböck zu Rhythmus- und Effektinstrumenten. Sie finden zunehmend Gefallen an den lautmalerischen Silbenfolgen, die sie mehrstimmig als repetitiven Kanon vortragen.

Hans Artmann: Michael von Mücke (2015)
Hans Artmann: Michael von Mücke (2015)

Das Klangerlebnis an diesem Abend ist im Vergleich zum Auftritt auf dem Bardentreffen 2014 nochmals deutlich gesteigert. Das Maultrommelspiel von Michael von Mücke schafft einen derart sphärischen Raumklang, als spiele er da ein Didgeridoo. Und Martin von Mücke spielt seine Helikontuba akzentuiert wie einen Dub-Bass. Nein, er spielt an diesem Abend eine Dub-Tuba. Und dieser Tuba-Bass grummelt wohlig in der Magengegend des Zuhörers. Und je später der Abend, desto entspannter wird der Auftritt, wohlgemerkt also eine Klimax von unaufgeregt zu ultrarelaxt. Jeder auf der Bühne rückt sich sein Kleinmöbel zurecht, auf dem er sich abstützen oder gar setzen kann. Nur der arme Martin muss immer stehen. Und die Musik entwickelt einen Flow, dem man sich mit geschlossen Augen gerne hingeben mag.

Kofelgschroa, die Band als Ganzes, jeder Musiker für sich, ihre Musik und ihre Texte sind ein Solitär in der deutschen Musiklandschaft. Und „Wäsche“ ist von gleicher musikalischer, poetischer und zeitloser Schönheit wie „Isarflimmern“ (1979) von Willy Michl. Wie schön ist das eigentlich?

Gschmier ist Gschroa zum Sehen – Hans Artmann, der Maler

Mit dabei in Nürnberg – Hans Artmann, Maler aus Koblenz. Er steht bei dem Konzert in vorderster Reihe mit einem Skizzenblock und Kohlestiften und zeichnet die Band bei ihrem Auftritt. Dabei arbeitet er an mehreren Skizzen gleichzeitig. Je nachdem, wie die Musiker gerade stehen und die Lichtverhältnisse es zulassen, blättert er in seinem Skizzenbuch vor und zurück und arbeitet an einer der Zeichnungen.

Hans Artmann: Martin von Mücke (2015)
Hans Artmann: Martin von Mücke (2015)

„Jedenfalls interessiert mich die schwarze Farbe der Kohle und ihre dann auch mal leiser werdende Aufhellung im Ablauf der Linien und Striche sehr. Die Brüche und die Ruppigkeit, wie auch die Empfindlichkeit des Kohlestrichs, die nicht der Glätte von Graphit entspricht“ sagt Hans Artmann, der nie mit Bleistift zeichnet. Im Konzert selbst zu zeichnen sei etwas schwieriger, aber gerade „diese Balance, mit einem ins Abstrakte kippenden Realismus zu arbeiten“, reize ihn.

Es ist nicht das erste Kofelgschroa-Konzert, das Hans Artmann in Skizzen, in Bilder fasst. Er hat bereits auf vier anderen Konzerten gezeichnet und bei zwei Konzerten, in Mammendorf und Aachen, stand er mit seiner Staffelei direkt auf der Bühne und hat in Öl gemalt (siehe Artikelbild) „Die Farben sollen nicht aus der Tube, sondern aus dem Leben kommen. Es braucht den Live-Zusammenhang, damit die Bilder atmen können.“ Auch Fotografie-abhängige Verfahren greifen ihm in der Kunst zu kurz, da sie keine wirklichen Raum-, Körper- und Farberfahrungen liefern können.

Hans Artmann hat in den 90ern in Frankfurt/Main, Berlin und Mainz, unter anderem bei F.W. Bernstein, Kunst mit Schwerpunkt Zeichnung studiert. Er arbeitet als Porträtist, einer, wie er sagt, aussterbenden Disziplin, die kaum mehr künstlerisch aufgefasst werde, sondern als lediglicher Versuch in Abbildern. Während echte Bilder immer zugleich reduzierten und vertieften.

Warum er Kofelgschroa malt und zeichnet? Weil auch sie, wie er sagt, Künstler der Vereinfachung sind. Sie stehen als locker schwankende Skulpturen auf der Bühne und scheren sich nicht um Äußerlichkeiten. Ihre Stücke sind gewachsen, grundiert, direkt und dabei präzise mit Linien und Harmonien ausgearbeitet, wie ein Gemälde aus dem 15. Jahrhundert. Sie sind zeitlich nicht provinziell auf die Gegenwart fixiert, sondern erweitern diese rückwärts wie vorwärts. Ganz nebenher revolutionieren sie die deutsche populäre Musik.

In Mammendorf im Landkreis Fürstenfeldbruck hat Hans Artmann Kofelgschroa beim „Boarischen Brettl-Abend“ der „Moasawinkler“ in Öl auf Leinwand gemalt. Einer der Gäste hat seine Malerei als „Gschmier“ beschimpft – also „Gschroa“ zum Sehen. Artmann hat’s gefreut.

Gschmier meets Gschroa – hoffentlich gibt’s noch mehr davon!

Bildergalerie: Kofelgschroa – Live im Club Stereo in Nürnberg am 24. Januar 2015

Fotos der Bildergalerie: Werner Gensmantel

Setlist

  • Leit do
  • Mainzelmo
  • Blume
  • 14 Dog
  • Hausnamen
  • Zaun
  • Sieben
  • Wann i
  • 10 Minutentakt
  • Revier
  • Schlaflied
  • Bladl
  • Sog ned
  • Wäsche
  • Eintagsseminar
  • Verlängerung
  • Abendcabaret

Bildnachweis

Das Artikelbild ist ein Ausschnitt aus: Hans Artmann: Brüder von Mücke, 2014, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm.

Alle Abbildungen der Werke von Hans Artmann auf dieser Seite erfolgen mit dessen freundlicher Genehmigung. Eine weitere Verwendung ist nur mit Genehmigung durch Hans Artmann möglich.

Kontakt: Hans Artmann, Hohenzollernstr. 117, 56068 Koblenz, Mail: hans_artmann@gmx.de

Quellenangaben

  1. „Kofelgschroa – 40 Jahre Zündfunk. Das Fest!“: Interview von Florian Schairer mit Kofelgschroa am 7. April 2014: http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/pop-platten/kofelgschroa-40-jahre-zuendfunk-das-fest-100.html
  2. „KASCHMIRER“: Maxi Pongratz am 29. November 2014 im Kofelgschroa Tagebuch: http://www.kofelgschroa.by/tagebuch/kaschmirer
  3. „Vier eigentümliche Kerle für ein Halleluja: Die Band Kofelgschroa macht ergreifend schrägende Heimat-Popmusik“: Eric Pfeil in Frankfurter Allgemeine am 16. Mai 2014: http://trikont.de/blog/die-faz-uber-kofelgschroa

Weblinks

 

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