Jürgen Krause vor einer Blattschneidearbeit (Collage) (2015)

Jürgen Krause – Kunst entlang des fünfzigsten Breitengrades

„Eine Linie zu ziehen scheint zunächst sehr einfach“, aber Jürgen Krause fragte sich, „wie komme ich zu meiner eigenen Geraden?“ (1) Jürgen Krause, Jahrgang 1971, studierte von 1994 bis 2000 an der Kunstakademie in Mainz und von 2000 bis 2001 bei Thomas Bayrle an der Frankfurter Städelschule. 1998 sollte er sich im Rahmen seines Studiums der „Linie“ widmen. Aus einer scheinbar einfachen Aufgabenstellung an der Kunstakademie wurde eine Lebensaufgabe.

Einblick in diese Lebensaufgabe gab die Ausstellung Zeichen und Wunder II im Kunsthaus Nürnberg (15. Januar bis 15. März 2015). Neben den Werken von Alexander von Falkenhausen (Offenbach), Susanne Roth (Fürth) und Matthias Ströckel (Nürnberg) präsentierte der Fürther Künstler und Kurator der Ausstellung Andreas Oehlert auch exemplarische Arbeiten von Jürgen Krause.

Jürgen Krause: Künstler im Gespräch – Kunsthaus Nürnberg (2015)
Jürgen Krause: Künstler im Gespräch – Kunsthaus Nürnberg (2015)

Foto: Werner Gensmantel

Die Füße den Händen voraus

Die „eigene Gerade“ fand Krause zunächst entlang des fünfzigsten Breitengrades, auf dem in direkter Verbindung Mainz, sein Studienort, und das polnische Pilszcz, der Geburtsort seines Vaters liegen. 1998 begab er sich auf einen 800 km langen, mehrere Wochen dauernden Fußmarsch, auf den Spuren seines aus Oberschlesien geflüchteten Vaters und seiner polnischen Vorfahren. 1998 begab er sich mit 25 kg Gepäck auf einen 800 km langen, mehrere Wochen dauernden Fußmarsch, auf den Spuren seines aus Oberschlesien geflüchteten Vaters und seiner polnischen Vorfahren. Krause machte es sich auch zum Ziel, bei seiner Wanderung möglichst nahe an der Ideallinie des fünfzigsten Breitengrades zu bleiben.

Handzeichnungen

Die „eigene Gerade“ wurde schließlich auch zum alleinigen zeichnerischen Element seiner ebenfalls 1998 begonnenen Werkserie Handzeichnungen. Auf ein ca. DINA A4 großes Blatt Papier zieht er freihand eine Linie neben der anderen, längs und quer, in regelmäßigen Abständen. Auf dem Papier entsteht so ein Karomuster, das aussieht wie ein industriell gefertigtes kariertes Papier.

Jürgen Krause: Handzeichnung (2013)
Jürgen Krause: Handzeichnung (2013) – Beispiel 1

Foto: Werner Gensmantel

Seit seinem ersten in Mainz gefertigten Blatt hat Jürgen Krause viel experimentiert und optimiert. Er testete Papiersorten unterschiedlicher Formate, Grammatur, Oberflächenbeschaffenheit und Farbe sowie Bleistifte unterschiedlicher Härtegrade. Nach Jahren fand er das Optimum im Standard – Druckerpapier und HB-Bleistift.

Jürgen Krause: Handzeichnung (2013)
Jürgen Krause: Handzeichnung (2013)

Foto: Werner Gensmantel

Außer an den Materialien feilte Jürgen Krause auch an seiner Technik. Heute zeichnet er im Stehen an einem leicht geneigten Pult. Jahrelange Konzentrations- und Atemübungen ermöglichen es ihm nun, die Linien besser durchzuziehen. Er setzt die Linien nach dem Ausatmen an – im Moment der größten Ruhe. Alle Linien werden vertikal gezogen. Nach jeder Linie wird das Blatt gedreht, wobei das Muster von innen nach außen wächst. Krause kann inzwischen täglich ein neues Blatt anfertigen, während er zu Beginn seiner Handzeichnungen eine Woche für ein Blatt benötigte. Die vor 2009 in der Phase des Experimentierens entstandenen Blätter zeigt er heute nicht mehr.

Bildergalerie: Jürgen Krause im Gespräch

Fotos der Bildergalerie: Werner Gensmantel

Als wesensbestimmendes Merkmal in der Kunst von Jürgen Krause kontrastiert die äußerste Intensität und Konzentration im Schaffensprozess mit der absoluten Reduktion und dem Minimalistischen im Ergebnis. Nicht viel trennt ein kariertes Blatt Papier von einem leeren. Jürgen Krause versagt die visuelle Stimulanz beim Betrachten seines Werkes. Der Entstehungsprozess ist wichtiger als das Produkt selbst, das vorrangig der besseren Kommunikation des Schaffensprozesses dient.

Die individuelle Handschrift des Künstlers tritt hinter das Genormte des Werkes zurück. Sie ist nur noch in im Kleinsten und nur bei genauestem Hinsehen erkennbar.

Fußwanderungen

Das Karomuster der Handzeichnungen entsteht von innen nach außen, die ersten beiden Linien sind eine Vertikale und eine Horizontale. Die Wanderung 1998 entlang des fünfzigsten Breitengrades ergibt eine Horizontale, die Jürgen Krause im Jahr 2000 nach Westen durch eine weitere Wanderung von Mainz an die Kanalküste nach Les Falaises verlängerte. 2002 beschritt er den zehnten Längengrad nach Norden vom Main nach Eckernförde. Wiederum zwei Jahre später verlängerte er auch diese Linie durch eine letzte Wanderung vom Main in den Sünden ans Mittelmeer nach Marina di Carrara.

KML-LogoFullscreen-LogoQR-code-logoGeoJSON-LogoGeoRSS-Logo
Fusswanderungen

Karte wird geladen - bitte warten...

Mainz: 49.992862, 8.247253
Pilszcz: 49.997902, 17.917734
Les falaises d\'Etretat: 49.706600, 0.194449
Eckernförder Bucht: 54.447810, 9.875030
Marina di Carrara: 44.035968, 10.043826

 

Mit diesen vier Wanderungen legte Jürgen Krause auch in seine gelebte Biografie das Grundmuster seiner Handzeichnungen – die Horizontale und die Vertikale.

Blattschneidearbeiten

1999 begann Jürgen Krause mit einer weiteren Werkserie, den Blattschneidearbeiten. Er schneidet von Hand mit selbstgeschärften Messern kleine, möglichst runde Löcher in weiße Papiere. Die herausgeschnittenen Papierscheiben verwendet er als Konfetti. Wie bei den Handzeichnungen folgt Krause auch bei den Blattscheidearbeiten ritualisierten Prozessen. Pro Werkjahr, das jeweils von Fastnacht bis Fastnacht reicht, entstehen 20 bis 30 Arbeiten, jeweils 30×21 cm groß. In Nürnberg zeigte Krause den Jahreszyklus 2012/2013, wobei die skelettierten Blätter nicht im Vordergrund seiner Arbeit stehen.

Jürgen Krause: Blattschneidearbeiten (2012/2013)
Jürgen Krause: Blattschneidearbeit aus dem Jahreszyklus 2012/2013

Foto: Werner Gensmantel

Die durchschnittlich pro Werkjahr anfallenden 30.000 Papierscheibchen sammelt Krause in einem Glas, um sie bei der Baseler Fastnacht in die Luft zu werfen. Räppli (Konfetti) werfen ist ein traditioneller Basler Brauch. Für Krause ist das Werfen künstlerischer Ausdruck. Er wirft damit die Arbeit eines Jahres in die Luft. Und beschreibt damit einen Moment der – im Wortsinn – Zerstreuung in der sonstigen Konzentriertheit seines Schaffens. Der Disziplin und Ordnung seiner täglichen Arbeiten setzt Krause hier kontrapunktisch ein spielerisches Unordnungselement entgegen.

Anmerkungen

(1): Jürgen Krause in „Künstlerinnen und Künstler im Gespräch“ im Kunsthaus Nürnberg am 15. März 2015

Weblinks

Ein Gedanke zu „Jürgen Krause – Kunst entlang des fünfzigsten Breitengrades“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.