Weil, Josh: Das neue Tal (2011)

Josh Weil – Das neue Tal

Weil, Josh: Das neue Tal (2011)
Weil, Josh: Das neue Tal (2011)

Stillman Wing lebt in den Blue Rich Mountains in Virginia und ist 71 Jahre alt, als ihn der Juniorchef Pfersick nach Hause schickt. Zu alt sei er. „Ruhestand, dachte er, und beendete den Gedanken mit einem unaussprechlichen Gemisch aus allem Möglichen von Scheißdreck bis Arsch“. Er kann nicht verstehen, dass der Seniorchef Les Pfersick dies zulässt. Aus Wut klaut er nachts einen alten Traktor vom Hof, wo er 50 Jahre Mechaniker war, einen Deutz, MTZ222, Baujahr 1928, seinem Geburtsjahr.

So beginnt die Novelle des 1976 in den Blue Rich Mountains geborenen Autors Josh Weil. Eine faszinierende, tragische und verstörende Erzählung. Stillman Wing ist ein rüstiger Alter zu Beginn der Geschichte. Er macht sich daran, den alten verrosteten und verrotteten Traktor in seinem Schuppen wieder herzurichten. Je mehr er den Deutz jedoch zu neuem Leben erweckt wird, desto mehr schwindet sein Leben.

Wing ist ein seltsamer Kauz, ein Sicherheitsfanatiker und Gesundheitsapostel. Sein Haus hat er aus Furcht vor Hochwasser auf Pfähle gebaut, er ernährt sich ausschließlich von Müsli, Algen und Gemüse, trinkt keinen Alkohol und schaut sich regelmäßig Videos indischer Gurus mit Entspannungs- und Lachübungen an. Und dieses Leben teilt er mit seiner Tochter „Blueberry“ Caroline, die er inniglich liebt und mit seiner Lebensweise erdrückt. Seine Blaubeere ist eine 150 kg schwere, 35 Jahre alte Wuchtbrumme, die jede Nacht einen Mann mit nach Hause bringt. Eines Tages hält sie die Bevormundungen zu Hause nicht mehr aus und landet schließlich in einer Kommune, die zu festlichen Anlässen gemeinsam im nahegelegenen See rituelle Bäder nimmt.

Weil, Josh: Das neue Tal (2011) - Zeichnung
Weil, Josh: Das neue Tal (2011) – Zeichnung

Die Jahre vergehen, wähend Wing den Deutz repariert. Der körperliche Verfall wird immer deutlicher. Josh Weil hat sein Buch mit Zeichungen illustriert, die die Symbiose Weil/Deutz visualisieren. Der Motor hat ein Herz, die Felgen werden zu Knochen und in mitten aller Technik hängt ein Fuß und eine Hand.

Die Arbeiten gehen voran, während seine Gesundheit rapide nachlässt: Schwindelgefühle, geistige Verwirrtheit, Knieprobleme und eine immer mehr nachlassende Sehkraft. Manchmal bleibt er in der Werkstatt bewegungsunfähig liegen und macht Atemübungen. Stillman aber versucht beharrlich die Altersgebrechen zu ignorieren. Er braucht keine Brille, stattdessen trägt er ein Stirnband mit verschiedenen Linsen zum Herunterklappen. Damit sieht er so abgedreht aus, dass der Nachbarjunge vor Angst davonläuft.

Wozu das alles? Er will seiner Tochter den Traktor zum Geschenk als Zeichen seiner übergroßen Liebe machen. Dem Leser ist die Tragik dieses Unterfangens bewusst. Zwei diametral entgegengesezte Welten können auf diese Weise nicht zusammenkommen.

Josh Weil hat mit diesem kurzen Stück Prosa ein dichtes Wortgeflecht menschlichen Schicksals gewoben. Die leicht erzählbare primäre Handlung hat viele Nebengeschichten, die für sich genommen alle von großer Erzählkunst zeugen. Die Intensität der kurzen Passage ist immens, als der kleine Nachbarsjunge Stillmans Truck nachts nach Hause lenkt, weil er am Straßenrand stehen bleiben musste, weil er nicht mehr kann und nichts mehr sieht.

Oder die Szene mit dem Juniorchef Pfersick, der eines Tages bei Wing auftaucht und nach dem Deutz fragt. Der Leser fragt sich eh ab Seite 3, wie er den Deutz unbemerkt stehlen konnte. Auf zwei Seiten komprimiert Weil menschliche Großmut und menschliche Tragik. Die Pfersicks haben Wing den Traktor klauen lassen: „Mitgenommen, geliehen, gestohlen, egal. Herrgott. Dad wollte sowieso, dass Sie ihn kriegen.“ Wing wusste das nicht. Genauswenig wie er wusste, dass Les Pfersick inzwischen gestorben war. Im Gehen fragt der Junior: „Kann ich Sie noch was fragen? Sie hatten doch überhaupt keine anderen Freunde, weder Sie noch er, oder? Und, ich meine, Sie haben doch diese ganze Zeit zusammen gearbeitet, und, na ja, warum haben Sie sich in den letzten Jahren eigentlich nicht ein einziges Mal gegenseitig besucht?“

„Das neue Tal“ ist ein großartiges Stück Prosa. Am Ende der Lektüre bleibt echte Trauer und Betroffenheit.

Deutz MTZ 220
Deutz MTZ 220

Dennoch hätte ich zwei Fragen:
Wieso glaubt man, dass man einen Menschen mit einem alten Traktor zurückgewinnen kann?
Wie ist das mit dem neuen Tal? – Eine Metapher für ein neues Leben, das Jenseits? Wo wäre in diesem Fall die Hofnung?

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