Jorinde Voigt: Focus-Synchronicity-Relief-Expectation-Now (1) (2015)

Jorinde Voigt – A New Kind Of Joy – Ausstellung in der Kunsthalle Nürnberg

Mit der Ausstellung A New Kind of Joy in der Kunsthalle in Nürnberg (23.02. bis 07.05.2017) stellt Jorinde Voigt eine konzentrierte Auswahl ihrer aktuellen Arbeiten vor. Nach einer Ausbildung als Cellistin studierte sie an der Universität der Künste in Berlin und hat seit 2014 eine Pofessur für Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Künste in München inne. Arbeiten der 1977 in Franfurt geborenen Künstlerin befinden sich im New Yorker Museum of Modern Art, im Centre Pompidou in Paris und im Berliner Kupferstichkabinett.

Die Kunsthalle Nürnberg bietet mit der Ausstellung A New Kind of Joy also nicht nur eine hochkarätige, sondern mit ca. 70 Werken aus den Jahren 2014 bis 2017 auch eine sehr umfangreiche und aktuelle Werkschau von Jorinde Voigt.

Die gezeigten Werke gefallen nicht spontan im Sinne von Farbempfinden oder technischer Versiertheit – ihre Ästhtetik erschließt sich zunehmend mit dem Maß an intellektueller Beschäftigung. Augenfällig ist eine gewisse Gleichartigkeit in der Anmutung beim Betrachten der Bilder. In der Nahsicht erkennt man in jedem Bild ein vielschichtiges Vokabular aus Linien und handschriftlichen Notizen, die das Malerische wie eine zweite Bildebene ergänzen oder auch interpretieren

Jorinde Voigt - A New Kind Of Joy in der Kunsthalle Nürnberg (2017)
Jorinde Voigt – A New Kind Of Joy in der Kunsthalle Nürnberg 2017 (Foto: Werner Gensmantel)

Nach und nach wird man neugierig, will dem Gesehenen auf den Grund gehen, in die Welt von Jorinde Voigt eintauchen. Und beim Eintauchen erfährt man eine anregende Reichhaltigkeit, die einen nachhaltig beschäftigt.

Thank You But No Thank You (2017)

Im Projektraum der Kunsthalle Nürnberg hängt der Zyklus Thank You But No Thank You. Die 17 Bilder aus dem Jahr 2017 zeigen jeweils zwei zentrale Farbformen, die auf jedem Blatt eine andere Gestalt annehmen. Die erste Farbform entstand durch Tinte, die auf nasses Papier getropft wurde. Den sogenannten Splash ergänzt eine zweite Farbform, ein Sprühnebel, der aus zwei bis drei Rottönen besteht. Die rote Farbform schiebt nun die schwarze Farbform an und startet einen Prozess der Ausbreitung.

Fotos: Jorinde Voigt

Im folgende Prozess der Formfindung analysiert, interpretiert und dokumentiert Jorinde Voigt den malerischen Output mit ihrem über die Jahre hinweg entwickelten strengen Regelwerk und Vokabular zu Raum, Zeit, Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit. Hierbei folgt sie immer dem, was sie in sich entdeckt, sei es Faszination oder Belastung. Horizontlinien bringen den Aspekt Landschaftsmalerei in die Bilder. Sie gliedern die Werke in ein Unten und Oben, aber auch in ein Innen und Außen.

Atelierbesuch bei Jorinde Voigt

Volker Schaner hat im Auftrag der Kunsthalle Nürnberg Jorinde Voigt in ihrem Atelier im Januar/Februar 2017 in Berlin besucht. Der folgende Film, der auch im Foyer der Ausstellung gezeigt wird, zeigt eindrucksvoll den Entstehungsprozess des Zyklus Thank You But No Thank You.

Die Bedeutung der Serie

In der Ausstellung sind neben der Serie Thank You But No Thank You auch noch Bilder der Serien Song of the Earth – Chapter IV: The Farewell (2016, Raum 1), Serendipity (2016, Raum 1), Ach so! / I see! (2016, Raum 2), Beobachtungen im Jetzt / Considerations In The Now (2016, Raum 3 und 4), Synchronicity (2015, Raum 5 und 6) und Both Sides Now (2017, Raum 7) zu sehen.

Die Serie ersetzt bei Jorinde Voigt das singuläre Kunstschaffen. Die Serie bietet die Möglichkeit, mehrere Blickwinkel auf einen Moment des Lebens und Kunstschaffens zu werfen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Somit gelingt es, Vielschichtigkeit und Gleichzeitigkeit abzubilden. Der Ausstellungsbesucher erinnert letztlich nicht die singuläre Form eines Werkes, sondern die optische Diversität, die mannigfaltigen Ausprägungen einer Form.

Kunst wird Partitur: Song of the Earth – Chapter IV: The Farewell

In der Kunsthalle Nürnberg zeigt Jorinde Voigt mit der dreiteiligen Arbeit The Farewell (2016) exemplarisch das vierte Kapitel ihres Langzeitprojektes Song of the Earth, einem auf acht Kompositionen angelegten, monumentalen Bilderzyklus, der von Gustav Mahlers Liederzyklus Das Lied von der Erde (1908 – 1909) inspiriert ist.

Fotos: Jorinde Voigt

Spätestens mit dieser Arbeit wird deutlich, dass ein rein ästhetischer Zugang dem Werk von Jorinde Voigt nicht gerecht wird. The Farewell ist wohl das Interessanteste, was in der Kunsthalle zu sehen und zu erleben ist. Die drei Bilder sind nicht nur Bilder, sondern zugleich auch Partituren, die zusammen mit den Kapiteln I bis III (I. Radical Relaxation – Stress and Freedom, II. The Shift, III. Divine Territory) am 16. September 2016 im Treibhaus in Innsbruck im Rahmen des Klangspurenfestivals 2016 vom neunköpfigen Berliner Ensemble zeitkratzer erstmals live musikalisch interpretiert wurden. Für jedes Ensemblemitglied fertigte Jorinde Voigt eine verkleinerte Kopie der Partitur an, die als Notenblatt diente.

Die Vertonung von Song of the Earth – Chapter IV: The Farewell kann in der Kunsthalle Nürnberg mit einem vorbereiteten MP3-Player angehört werden, ist jedoch anderweitig nicht zugänglich.

Kunst wird Partitur: Song of the Earth – Chapter 1: Radical Relaxation – Stress and Freedom

Chapter 1: Radical Relaxation – Stress and Freedom hingegen ist zwar in der Kunsthalle Nürnberg weder zu sehen noch zu hören, aber im Unterschied zu Chapter 4 auch öffentlich verfügbar. (1)

Stress and Freedom widmet Jorinde Voigt Peter Sloterdijks Essay Stress und Freiheit und seiner Herleitung von Rousseaus Freiheitsgedanken. Sloterdijk beschreibt Rousseau auf dem Bieler See in einem Boot im Wasser treibend sprichwörtlich als erstes frei denkendes Individuum – auf den Bildern erkennt man blaue, fließende Formelemente.

Die Einzelbilder von Chapter 1: Radical Relaxation – Stress and Freedom

Die Einzelbilder von Chapter 1: Radical Relaxation – Stress and Freedom, Fotos: Jorinde Voigt

Das folgende Bild zeigt den montierten Druckbogen mit zehn Partitursätzen von Chapter 1, das zerschnitten die Notenblätter für das Ensemble zeitkratzer ergab. Die Partitursätze (unten) unterscheiden sich von den Originalbildern (oben) durch zusätzliche Anweisungen und eine Zeitskala. Jedes der sieben Blätter ist in eine Spieldauer von jeweils drei Minuten untergliedert und ordnet jedem malerischen Element – wie etwa den blau dargestellten Wasserflächen – unterschiedliche Instrumentengruppen zu. So übernehmen in der Partitur das Fagott, die Oboe und das Klavier gemeinsam die Wasserflächen, und die kleinen grünen Gebilde spielen der Schlagwerker und die Cellistin.

Jorinde Voigt: Score „Radical Relaxation – Stress and Freedom“, Jorinde Voigt + zeitkratzer Ensemble, Berlin, 2016
Jorinde Voigt: 10 Partitursätze von  „Radical Relaxation – Stress and Freedom“ für zeitkratzer Ensemble, Berlin, 2016

Das nachfolgende Bild zeigt den Notenständer bei der Aufführung in Innsbruck, hier mit der Partitur von Chapter II: The Shift

Jorinde Voigt + Zeitkratzer Ensemble, Innsbruck (2016)
Jorinde Voigt + Zeitkratzer Ensemble, Innsbruck (2016)

Hörbeispiel Chapter 1: Radical Relaxation – Stress and Freedom.

Nachfolgend das vertonte Ergebnis dieser Parftitur in einer Studioaufnahme des Ensemble zeitkratzer vom 19. Juni 2016 an der Universität der Künste, Berlin. Die Vertonung von Chapter I bis IV soll auch als Vinyl-LP  in einer Kleinauflage erschienen sein.

Eine Partitur ist im klassischen Sinne eine Aufzeichnung mehrstimmiger Musik in Notenschrift. Eine Notenschrift ist eine Konvention, die sich lesen und musikalisch wiedererkennbar umsetzen lässt. Wie aber verhält es sich mit einer Bildpartitur? Wie klingt der Song of the Earth, wenn er von einem anderen Ensemble interpretiert wird?

Farbe als Musik, Musik als Farbe – das ist per se nicht neu. Wassily Kandinsky gilt als Synästhetiker, der Farben nicht nur als optische, sondern auch als akustische Reize empfand. Er ordnete Farben Klänge zu und versuchte Bilder so zu malen, wie man Musik komponiert, indem er die Harmonie von Farben mit der Harmonie von Klängen verglich. Die Harmonie seiner abstrakten Kompositionen soll synästhesisch wahrnehmbar und in Klang übertragbar sein. Und auch Jimi Hendrix war Synästhetiker und soll seine Melodien und Akkorde nicht in Form von Noten niedergeschrieben, sondern Farben verwendet haben. (2)

Der Verdienst dieser Ausstellung ist es, über den theoretischen Ansatz und die Vermutung hinaus Farbe als Musik konkret erfahrbach zu machen.

Quellenanchweis: Bilder

Quellenanchweis: Audio

  • Audiodatei  „Jorinde Voigt: Song of the Earth – Chapter 1: Radical Relaxation – Stress and Freedom
    Ensemble zeitkratzer“ von Freunde Guter Musik Berlin e.V.: http://www.freunde-guter-musik-berlin.de/; hochgeladen auf Soundcloud durch Werner Gensmantel

Quellenanchweis: Text

  1. Freunde Guter Musik Berlin e.V.: http://www.freunde-guter-musik-berlin.de/
  2. Jimi Hendrix: Synästhetiker: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Jimi_Hendrix

 

2 Gedanken zu „Jorinde Voigt – A New Kind Of Joy – Ausstellung in der Kunsthalle Nürnberg“

  1. Danke für die interessante Besprechung der Ausstellung mit audio-visueller Bebilderung. Witzigerweise hatte gerade heute Abend eine Chorfreundin vom Besuch der Kunsthalle erzählt und vom „Song of Earth“ geschwärmt. Die Klangcollage mit gedehnten, verzerrten, auch heulenden oder rasselnden Tönen lässt in der Tat Jimi Hendrix assoziieren.

    1. Also die Musik selbst assoziiere ich nicht mit Hendrix – interssant. Da war für mich schon der Gedanke „Farbe als Musik, Musik als Farbe“ das verbindende Glied.

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