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Jörg Immendorff – Versuch, Adler zu werden – Ausstellung im Glaspalast Augsburg

Immendorff, Jörg: Versuch, Adler zu werden: Ausstellungskatalog (2014)
Immendorff, Jörg: Versuch, Adler zu werden: Ausstellungskatalog (2014)

Die Pinakothek der Moderne zeigt in den großzügigen Räumlichkeiten ihrer Zweiggalerie im Augsburger Glaspalast vom 16. Mai 2014 bis 15. Mai 2015 30 Werke von Jörg Immendorff (1945-2007). Unter dem Titel Versuch, Adler zu werden führt die Ausstellung zwölf Exponate der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit 15 Werken aus der privaten Sammlung von Stephan und Susanne Böninger zusammen, die erstmals in diesem Umfang der Öffentlichkeit vorgestellt werden und eine umfassende monographische Werkschau ermöglichen.

Jörg Immendorff ist einer der berühmtesten und weltweit erfolgreichsten deutschen Maler und Bildhauer der Nachkriegszeit. Bekannt wurde er aber auch wegen seines wilden Lebens und seiner vielen Skandale. 1984 wurde er Kneipier auf St. Pauli, nachdem er im Suff einen Pachtvertrag unterschrieben hatte. (1) 2003 und 2010 musste er sich vor Gericht verantworten, weil er in einem Hotel jeweils zusammen mit mehreren Prostituierten mit Kokain erwischt worden war. (2)(3) Selbst nach seinem Tod geriet Immendorff noch wegen Betrugsverdachts in die Schlagzeilen. Er soll, als er wegen seiner Sex- und Drogenorgien finanziell klamm war, Kopien seiner Bilder als eigene Werke verkauft haben. (4)

Café Deutschland – die Vorgeschichte: A.R. Penck, Renato Guttuso und der Ratinger Hof

Die Ausstellung Versuch, Adler zu werden zeigt unter anderem zwei von 16 Exemplaren der Bilderserie Café Deutschland, die zwischen 1977 und 1983 entstand und die Immendorff letztlich berühmt machte: Café Deutschland VII (1980) und Café Deutschland XI / Parlament 2 (1981).

Immendorff studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf und war ab 1964 Schüler von Joseph Beuys. Während und nach seiner Studienzeit engagierte sich Immendorff politisch in der Außerparlamentarischen Opposition und wurde Mitglied der maoistischen KPD/AO.

1976 Jahr begann seine Freundschaft mit dem damals noch in der DDR lebenden und dort von der Staatssicherheit auf den Index gesetzten Künstler A. R. Penck. Immendorf traf sich mit Penck (eigentlich Ralf Winkler, der sich sein Pseudonym nach dem Geologen und Eiszeitforscher Albrecht Penck gewählt hatte) auf Vermittlung von Georg Baselitz und dem Kölner Galeristen Michael Werner im Café Lindencorso in Berlin. Beide gründeten das Kollektiv Immendorff-Penck.

1976, im gleichen Jahr, als Immendorff Penck kennenlernte, nahm Immendorff an der Biennale in Venedig teil und lernte dort das monumentale Gemälde Caffè Greco (1976) von Renato Guttuso kennen, der auch Senator der kommunistischen Partei in Italien war.

Guttuso, Renato: Caffè Greco (1976)
Guttuso, Renato: Caffè Greco (1976)

Foto: www.wikiart.org (Beschnitt und Seitenverhältnis korrigiert durch Werner Gensmantel)

Das Bild, das den traditionsreichen Treffpunkt für Künstler, Dichter und Intellektuelle in Rom zeigt, kam 1977 nach Köln in die Sammlung Ludwig. Guttuso versammelte in diesem Bild de Chirico (Links als alter Herr, im Profil festgehalten, und gleich dahinter, dem Betrachter zugewendet, in jüngeren Jahren, zitiert nach einem Selbstbildnis. Außerdem verweisen der Mann mit Sonnenbrille am runden Tisch in der Mitte des Bildes und die Landschaften an den Wänden auf de Chirico.), André Gides (Kopf am Tisch neben dem Sonnenbrillenträger), Renato Guttuso selbst (Rückenfigur des Zeitungslesers am unteren Bildrand), Buffalo Bill (Bildecke rechts unten; er besuchte das Café während eines Aufenthalts mit einem Zirkus in Rom) und Picasso (durch die Skulptur am rechten Bildrand).

Den dritten Baustein zum Verständnis der Café Deutschland Bilder liefert der Ratinger Hof in Düsseldorf. Ebenfalls 1976 erfuhr der Ratinger Hof durch den Künstler Imi Knoebel, wie Immendorff ebenfalls Beuys-Schüler, eine radikale formale Veränderung: der „Hof“ wurde vom gemütlichen Wildwest-Club zur Szene Kneipe Deutschlands schlechthin.

Ratinger Hof (1978)
Ratinger Hof (1978)

Foto: Ralf Zeigermann, commons.wikimedia.org

Im Ratinger Hof trafen sich die Künstler der nur ca. 300 Meter entfernten Kunstakademie wie Joseph Beuys, Jörg Immendorff, Imi Knoebel, Sigmar Polke, Trini Trimtpop, Markus Oehlen und Blinky Palermo, sowie viele Musiker, die in diesen Jahren alle noch berühmt werden sollten: Klaus und Thomas Dinger, Michael Rother, Eberhard Kranemann, Michael Kemmer, Wolfgang Riechmann, Bodo Staiger, Robert Görl, Gabi Delgado, Chrislo Haas, Jürgen Engler, Peter Hein, Frank Fenstermacher, Wolfgang Flür, Florian Schneider, Kurt Dahlke.

Deren Bands, die in diesem kreativen Umfeld des Ratinger Hofes entstanden, Kraftwerk, Neu!, Fehlfarben, D.A.F., die Toten Hosen, Nichts, Krupps, La Düsseldorf, Der Plan oder Liaisons Dangereuses prägten für einige Jahre nicht nur die Musik in Deutschland.

„Das war stark miteinander verknüpft. Beide Seiten haben sich gegenseitig beeinflusst: die Musiker die Künstler und die Künstler die Musiker.“ (Michael Kemmer: D.A.F., Fehlfarben) (5)

„Der Ratinger Hof war noch ein Underground- und Hippieschuppen, da sind die ganzen Künstler hin. Auch Immendorf hat dort abends seine Saalschlachten veranstaltet. Das war ziemlich aggressiv, schon weit vor der Punkzeit. Da sind Kristallaschenbecher geflogen, oft mussten Krankenwagen vorfahren. Die Künstler von der Kunstakademie konnten nicht mit Alkohol umgehen, die sind extrem aggressiv geworden, das waren Kretins, vor allem Immendorff, das war ein Rocker, ein Schläger, ich hatte Angst vor dessen Doofheit. Bei einigen hieß er nur Jörg Immerdoof.“ (Wolfgang Flür: Kraftwerk) (6)

„Mir hat die Attitüde des Punk gut gefallen, der ganze Ansatz, das DIY [Do It Yourself] und die Businessstrategien, wie man heute sagen würde: Ich muss nicht Musik studieren, um Musik zu machen.“ (Gabi Delgado: D.A.F.) (7) Das entspricht exakt der Beuysschen Maxime „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

„Später werden Kunsthistoriker darüber rechten, ob es die jungen Musiker im Ratinger Hof waren, von denen die Maler ihren Blick auf die Welt übernahmen, ob der Prozess möglicherweise sogar umgekehrt verlief oder ob die Gäste nicht durch einen ganz anderen Rausch zueinander fanden.“ (Tilman Spengler) (8)

Café Deutschland – die Ikonographie: Eisscholle, Systemklemme und Brandenburger Tor

Jörg Immendorf war Stammgast in diesem „Pot aus Kunst und Musik“. (Kurt Dahlke, aka Pyrolator: Fehlfarben, Der Plan, Gründer des Ata Tak– Studios) (9) Durch Guttusos Caffè Greco wurde Immendorff die soziokulturelle und historische Bedeutung des Raumtypus klar, den der Ratinger Hof bot und er entwickelte die Idee des konzeptuellen Raumes für die Bilderserie Café Deutschland. Auf dieser Bühne ließ sich sein Thema des durch den Eisernen Vorhang und die Berliner Mauer getrennten Deutschlands künstlerisch durchspielen. Der vorgestellte Raum ist jedoch – im Unterschied zu Guttuso – kein realer, sondern ein phantastischer. Gleichzeitig entwickelte Immendorff mit dieser Werkgruppe eine eigene Ikonographie und Bildsprache, die man zur Decodierung und zum Verständnis seiner Bilder kennen muss:

  • die Eisscholle als Zeichen für den kalten Krieg, ein geteiltes Deutschland
  • der Adler als nationales, heraldisches Symbol
  • Fahnen als Repräsentanten von Ländern
  • die Systemklemme, eine Art Schraubstock als Repräsentation politischer Gewalt
  • das Brandenburger Tor sowie die Quadriga oder Einzelelemente aus der Quadriga wie Pferde und Standarte als Sinnbild der Teilung Deutschlands und des Willens zu ihrer Überwindung
  • die Naht als Zeichen der Wunden am sozialen Körper der Deutschen und Deutschlands
  • Agenten als Zeichen von Unfreiheit und Überwachung
  • der Affe, das Alter Ego Immendorffs

Ergänzt werden die ikonographischen Versatzstücke im Café Deutschland mit jeweils unterschiedlichen Gästen. Im Zentrum des Geschehens steht meist Immendorff selbst, begleitet von seinem Künstlerkollegen Penck. Weitere Protagonisten sind Personen des Zeitgeschehens, unter anderem Helmut Schmidt, Mao Zedong, Josef Stalin oder Erich Honecker.

Immendorff, Jörg: Café Deutschland VII (1980)
Immendorff, Jörg: Café Deutschland VII (1980)

Foto: Werner Gensmantel

In Café Deutschland VII (1980) liegen Penck und Immendorff auf einer auseinandergebrochenen Eisscholle. Beide sind nackt und haben neben sich die jeweiligen Symbole der ihnen zugeordneten Staaten, einen umgestürzten Wachturm für die DDR, und einen abgestürzten Adler für die BRD. Links sieht man mehrere Adler, die Bilder halten. Das Bild links oben zeigt den Maler Immendorff mit Pinsel. Rechts im Bild steht eine riesige Systemklemme, dem gerade ein Bild von Penck zum Opfer fällt.

Immendorff, Jörg: Café Deutschland XI / Parlament 2 (1981)
Immendorff, Jörg: Café Deutschland XI / Parlament 2 (1981)

Foto: Werner Gensmantel

In Café Deutschland XI / Parlament 2 (1981) thematisiert Immendorff den Deutschen Herbst. Geprägt durch die Anschläge der Roten Armee Fraktion visualisiert Immendorff die Gewalt im Lande und die Zerrissenheit Deutschlands. Vorne in der Mitte sitzt Helmut Schmidt mit Sonnenbrille, Zigarette und einem Schild mit der Aufschrift „Gefangener der Bewegung“. Dieses Schild erinnert an Schmidts politische Auseinandersetzungen und Verhandlungen mit der RAF und an die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers. Links neben Helmut Schmidt sitzt Andreas Baader, der mit der Entführung Schleyers freigepresst werden sollte, an einem Schachbrett. Eine der Schachfiguren hat einen Totenkopf. Im Rücken von Helmut Schmidt brennt jemand ein Loch in den vorderen Sitz. Noch weiter vorne tritt eine vermummte Person gegen einen am Boden liegenden Anzugträger. Links hinten versucht gerade eine Person eine Mauer zu überwinden, den Verlockungen der Sonne hinter der Mauer folgend. Rechts wieder eine große Systemklemme auf einer Eisscholle. Links dahinter sieht man das Brandenburger Tor, rechts vorne liegt auf einem Tisch die Fahne der BRD, auf der mittig das Symbol der Systemklemme positioniert ist und somit der Fahne der DDR mit Hammer und Zirkel ähnelt.

Deutschland in Ordnung bringen

Immendorff, Jörg: Deutschland in Ordnung bringen (1983)
Immendorff, Jörg: Deutschland in Ordnung bringen (1983)

Foto: Werner Gensmantel

Wie in der Bilderserie Café Deutschland zeigt Immendorff auch in dem Bild Deutschland in Ordnung bringen (1983) eine Café-Szene. Das Bild wird links und rechts dominiert durch zwei Eisbrocken, die wie zwei Einzelbilder eines Morphings vom Hakenkreuz zu Hammer und Sichel wirken. Im Zentrum steht Immendorff selbst, der, dreifach geklont, in Arbeitermontur Eisbrocken in Form von Hakenkreuzen trägt. Um seinen Hals hängt eine Kette mit dem Brandenburger Tor als Anhänger. In das vorderste Hakenkreuz ritzt eine Standarte das Motiv des Brandenburger Tores. Rechts daneben steht ein Portrait von Rosa Luxemburg. An der brennenden Bar über ebenfalls brennenden Boden sitzt Adolf Hitler in einem Malerkittel umgeben von einem blauen Adler und einem Affen. Weitere Adler sind auf der linken Seite. Dort ist auch ein Tisch mit einer russischen Delegation: Stalin, Lenin und Trotzki, der die Pravda liest. Links oben sieht man Mao Zedong mit mächtigen Drum-Sticks. Gegenüber auf der rechten oberen Seite des Bildes befindet sich abermals Immendorff, der auf eine Pauke haut. Die Buchstaben des Wortes „bringen“ aus dem Titel zerfließen jedoch tropfenartig. Der Versuch, das Chaos in Ordnung zu bringen, scheint zum Scheitern verurteilt.

Chronologisches Ausstellungsverzeichnis

Fotos: Werner Gensmantel

  • A.NGER, 1965, Mischtechnik auf Leinwand
  • Ohne Titel (Vogel), 1965, Mischtechnik auf Leinwand
  • Für alle Lieben in der Welt, 1966, Öl auf Holz, Papier in Klarsichthülle
  • Braunes Babybild, 1966, Dispersion auf Leinwand
  • LIDL Eisbär, 1968, Öl auf Leinwand
  • Deutsche Fälle, 1978, Öl auf Leinwand
  • Selbstbildnis, 1980, Öl auf Leinwand
  • Café Deutschland VII, 1980, Acryl auf Leinwand
  • Café Deutschland XI / Parlament 2, 1981, Acryl auf Leinwand
  • Was macht er nun, 1981, Öl auf Leinwand
  • Mein Weg ist richtig, 1983, Öl auf Leinwand
  • Ölige Freunde, 1983, Öl auf Leinwand
  • Deutschland in Ordnung bringen, 1983, Öl auf Leinwand
  • Ohne Titel (Konzeptraum Alptraum), 1986, Öl auf Leinwand
  • Die Versuchung des heiligen Antonius, 1985, Öl auf Leinwand
  • Versuch Adler zu werden, 1986, Holz, farbig gefasst
  • Versuch Hammer zu werden, 1987, Holz, farbig gefasst
  • Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund, 1987, Holz, farbig gefasst
  • Projekt Paulskirche, Versuch Adler zu werden, 1987, Öl auf Leinwand
  • Adler kaputt, 1990, Holz, farbig gefasst
  • Tag im Café de Flore, 1990/1991, Öl auf Leinwand
  • Geburt eines Maler, Versuch Adler zu werden, 1992, Öl auf Leinwand
  • Rakewell = Immendorff, 1994, Öl auf Leinwand
  • Bilder wie schlafende Kinder, 1995/1996, Öl auf Leinwand
  • Nick Shadow, 1996, Bronze, farbig gefasst
  • Surrealistisches Tribunal I, 1998, Öl auf Leinwand
  • Getarnt durch Baum und Borke wird des Malers Pinsel zum Spaten, 1999, Öl auf Leinwand
  • Malerwoche, 1999, Öl auf Leinwand
  • Ohne Titel, 2000, Aquarell
  • Letztes Selbstbildnis, 2000, Aquarell

Weblinks

Quellenangaben

  1. „Jörg Immendorff: ‚Ich habe noch genügend Mist in mir, um über meine Kunst Revolution zu machen.‘“ Sascha Krüger im Interview mit Jörg Immendorff in Düsseldorf im April 2005: http://galore.de/interviews/people/joerg-immendorff/2005-04-11
  2. Immendorff über schlechte Huren: „Verfall der Sitten“: Spiegel Online vom 23. August 2003: http://www.spiegel.de/panorama/immendorff-ueber-schlechte-huren-verfall-der-sitten-a-262648.html
  3. „Einen anderen Beruf haben Sie nicht? Einen erlernten. Außer Maler?“: Prozessbericht von Michael Kläsgen auf Süddeutsche.de am 19. Mai 2010: http://www.sueddeutsche.de/panorama/immendorff-prozess-einen-anderen-beruf-haben-sie-nicht-1.923643
  4. „Betrugsverdacht: Immendorff soll Fälschungen verkauft haben“: Bericht von Frank Christiansen auf Spiegel Online vom 30. Juli 2008: spiegel.de/kultur/gesellschaft/betrugsverdacht-immendorff-soll-faelschungen-verkauft-haben-a-569107.html
  5. Rüdiger Esch: Electri_City, Elektronische Musik aus Düsseldorf (=Esch); Berlin 2014, S. 216
  6. Esch, S. 26
  7. Esch, S. 220
  8. Tilman Spengler: Ratinger Hof; in: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München (Hrsg.): Jörg Immendorff, Versuch, Adler zu werden; Köln 2014, S. 44
  9. Esch, S. 216

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