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Gerhard Richter – Ausschnitt – Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg

Richter, Gerhard: Ausschnitt - Werke aus der Sammlung Böckmann: Ausstellungskatalog (2014)
Richter, Gerhard: Ausschnitt – Werke aus der Sammlung Böckmann: Ausstellungskatalog (2014)

Die Gerhard-Richter-Ausstellung Ausschnitt ist nach der Helmut-Jahn-Ausstellung Process Progress im Jahr 2012 der zweite bedeutende Höhepunkt in der Geschichte des Neuen Museums Nürnberg. Zu verdanken ist diese umfassende Schau der Sammelleidenschaft des Ehepaares Ingrid und Georg Böckmann, das dem Museum insgesamt 69 Werke, davon 28 aus den wesentlichen Schaffensperioden Gerhard Richters als Dauerleihgabe überlassen hat. Das Neue Museum Nürnberg beherbergt damit die weltweit drittgrößte Sammlung mit Werken Gerhard Richters. Ergänzt wird die Ausstellung durch Leihgaben früher Werke, die Richter selbst beigesteuert hat.

Gerhard Richter ist ein international gefeierter Künstler und gilt inzwischen als der teuerste Maler der Gegenwart. Seit Jahren jagt ein Rekord den anderen. 2012 hat das Auktionshaus Sotheby’s in London ein Gemälde für 26,4 Millionen Dollar versteigert. Eingereicht hatte dieses Bild Eric Clapton, der das Bild 2001 zusammen mit zwei anderen Bildern Richters für 2,6 Millionen Euro ersteigert hatte (1). Inzwischen werden seine Bilder sogar jenseits der 30 Millionen Euro gehandelt. Deshalb ist die Ausstellung, die das Neue Museum vom 14. November 2014 bis 22. Februar 2015 anbietet, nicht nur unter dem retrospektiven Gesichtspunkt als wertvoll zu erachten.

Die Gemälde aus der Sammlung Böckmann geben einen repräsentativen Ausschnitt aus dem Gesamtwerk Gerhard Richters wider, wobei Ausschnitt nicht nur Titel der Ausstellung ist, sondern auch Titel des großen, dreiteiligen Bildes von 1971, das im Zentrum der Ausstellung gezeigt wird.

Richter, Gerhard: Ausschnitt (1971)
Richter, Gerhard: Ausschnitt (1971)

Foto: Werner Gensmantel

Die Hängung der Bilder ist größtenteils in chronologischer Reihenfolge und wurde von Gerhard Richter mittels Modell konzipiert und somit autorisiert – ein nicht nur für den Stellenwert einer Ausstellung wesentlicher Faktor, sondern auch für das Renommee des ausstellenden Hauses von großer Bedeutung. Ausschnitt spannt mit 28 Werken des Künstlers aus dem Zeitraum von 1957 bis 2003 einen großen Bogen. Gezeigt werden unter anderem folgende Werke:

  • frühe Walzendrucke: Elbe (1957)
  • nicht im Werkverzeichnis enthaltenes Frühwerk, das an die Malweise Max Beckmanns erinnert: Lesende am Strand (1960)
  • verwischtes Bilde nach Fotovorlage: Liz Kertelge (1966)
  • Landschaftsbild: Seestück bewölkt (1969)
  • Stadtbild: PL (1970)
  • Portrait: Brigid Polk (1971)
  • Grau-Bilder: Grau [396] (1976)
  • frühes abstraktes Bild: Konstruktion [389] (1976)
  • Übermalung: Krems (1986), Abstraktes Bild [687-1] (1989); letzteres eine übermalte Variante des Sonic Youth Album-Covers Daydream Nation
  • Stillleben: Blumen (1994)
  • großformatige Rakelbilder: Abstraktes Bild [666-1] (1988), Abstraktes Bild [750-2] (1991).

Zwei Bilder sind allerdings noch in Berlin. Eule (1982) und Canaletto (1990) hängen auf ausdrücklichen Wunsch von Angela Merkel noch bis mindestens 2017 im Bundeskanzleramt. Danach sollen sie laut Böckmann nach Nürnberg kommen (2).

Fotos: Werner Gensmantel; „Eule“ (3) und „Canaletto“ (4) von www.gerhard-richter.com

Was der Ausstellung in Nürnberg zur umfänglichen Retrospektive noch fehlt, sind Werke aus der gegenwärtigen Schaffensperiode Gerhard Richters. Dazu zählen Vertreter der per Zufallsgenerator erzeugten Farbtafeln, die im Zusammenhang mit seinen Entwürfen für ein Kirchenfenster des Kölner Doms entstanden sind (2007), der Hinterglasbilder (seit 2008) und der ebenfalls per Computer erzeugten Strip-Bilder (seit 2011).

Die Ästhetik der abstrakten Bilder

Das Œuvre Richters ist vielfältig, und einige Fachleute kritisieren die Stilwechsel und diese Verschiedenartigkeit abwertend als Diskontinuität in Richters Werk. Betritt man den Ausstellungsraum, könnte man meinen, eine Schau verschiedener Künstler zu sehen. Nicht jedem gefällt alles, vielen gefallen Werke nur aus bestimmten Perioden oder einzelne Werkgruppen.

Richter, Gerhard: Abstraktes Bild (1988)
Richter, Gerhard: Abstraktes Bild (1988)

Foto: Werner Gensmantel

Mein Herz schlägt für die großformatigen Rakelbilder, seit ich 2009 die Ausstellung Gerhard Richter. Abstrakte Bilder im Haus der Kunst in München gesehen habe. Die Farbigkeit und die Strukturen der Bildoberflächen der großformatigen abstrakten Bilder waren ein ästhetisch überwältigendes und nachhaltiges Erlebnis.

Richter, Gerhard: Abstraktes Bild (1991)
Richter, Gerhard: Abstraktes Bild (1991)

Foto: Werner Gensmantel

Die abstrakten Bilder dieser Periode entstanden vorwiegend durch den Einsatz von Rakeln, mit denen er Kadmiumrot, Ultramarinblau, Zitronengelb, Elfenbeinschwarz und Titanweiß in immer neuen Schichten auf den Maluntergrund aufträgt. Richter variiert dabei die Menge des verwendeten Farbmaterials und die Malwerkzeuge, um unterschiedliche Bildstrukturen zu schaffen. In einem Wechselspiel von Auftragen, Verwischen und Abtragen schafft Richter ein komplexes Nebeneinander und Übereinander der Ebenen. Die Bildoberfläche wird zu einem Farbrelief, unterschiedliche Farbschichten sind in einer Ansicht miteinander verwoben. „Charakteristisch für den Einsatz der Rakel ist ein gewisser Kontrollverlust. Farblöcher und Schlieren entstehen auf nicht vorhersehbare Weise und bilden zufällige Muster.“ (5)

Der Schaffensprozess

Einen großartigen Einblick in den Schaffensprozess ermöglicht der Film „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz, der 2012 den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm erhalten hat.

In dem Interview mit dem Kunsthistoriker Benjamin Buchloh erzählt Richter, dass er am Anfang eines Bildes „praktisch da draufschmieren“ (5) kann, was er will. Erst dann ist ein Zustand erreicht, auf den er reagieren muss, den er verändern oder zerstören muss. Er malt also ohne Plan, folgt dem Zufall, und doch ist das Ergebnis nicht zufällig, denn Richter weiß, wann ein Bild richtig ist. Irgendwann kommt er zum Resultat, „wo nichts mehr zu tun ist, wo […] nichts mehr falsch ist“. „Dann höre ich halt auf. Dann ist es gut.“

Detailaufnahmen aus Abstraktes Bild [666-1] (1988)

Fotos: Werner Gensmantel

Aber was ist richtig und was ist falsch? Ist es eine Frage falschen Bewusstseins, falscher Materialität oder eines falschen Prozesses? „Das ist unheimlich schwer“, sagt Richter, aber das Bild „sieht dann nicht gut aus.“ Das Bild ist „falsch“. Ein gutes Bild hingegen hat eine Qualität, die Produzent und Konsument, Betrachter und Macher erkennen und beurteilen können. „Es gibt einen bestimmten Wahrheitswert, den das Bild artikulieren muss, um gut zu sein.“

Detailaufnahmen aus Abstraktes Bild [750-2] (1991)

Fotos: Werner Gensmantel

Richter ist in dauernder Kommunikation mit seinen Bildern. Warum ist das eine ein bisschen schöner als das andere? „Ja, warum? Offener, heiterer, eine hübsche Stelle da in der Struktur in der Mitte.“ Ein stetes Streben nach Perfektion, nach dem Ideal treibt Richter an. Vermutlich strahlen deshalb Richters abstrakte Bilder nicht nur jeweils als Ganzes betrachtet diese ästhetischen Reize aus. Jedes Detail für sich lädt den Betrachter zu einer Entdeckungs- und Erlebnisreise in Farbe und Struktur ein.

Bilder, die nicht bestehen, werden von Gerhard Richter übermalt oder zerstört.

Gerhard Richter Painting (2012)
Gerhard Richter Painting (2012)

 

Weblinks

Quellenangaben

  1. art spezial 01/2014, Gerhard Richter: 16. Mai 2014 bei Gruner + Jahr
  2. Süddeutsche.de, „Gerhard Richter im Neuen Museum in Nürnberg“ vom 13. November 2014
  3. Bild Eule: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/abstracts/abstracts-19801984-29/owl-6483/?&p=4&sp=32
  4. Bild Canaletto: https://www.gerhard-richter.com/de/art/paintings/abstracts/abstracts-19901994-31/canaletto-6861/?&p=3&sp=32
  5. Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg (Hrsg.): Gerhard Richter. Ausschnitt., Begleitheft, Nürnberg, 2014: S. 32
  6. Sämtliche nachfolgenden Zitate: „Gerhard Richter Painting“, ein Film von Corinna Belz; DVD: Erstveröffentlichung am 09. März 2012

2 Gedanken zu „Gerhard Richter – Ausschnitt – Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg“

  1. ich bin ein fan von Gerhard richter-ich male auch und bevor ich ihn kannte malte ich schon abstrakt.mein stiel ist ähnlich von Herrn richter.er ist mein vorbild.lebe in Berlin.würde gerne auch grosse bilder malen,aber in der Wohnung geht höhchsten 100×120 und alles darunter-leinwand-papier-pappe-karton+hartfaser.wie herr richter und deshalb mag ich ihn.lg.michel jacot

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