Ernst Weiers: Zwei Vögel im herbstlichen Wald (1957) (Ausschnitt für Artikelbild)

Ernst Weiers – Ausstellung im Faber-Castell’schen Schloss in Stein

Ernst Weiers – Zum 100. Geburtstag: Ausstellungskatalog (2009)
Ernst Weiers – Zum 100. Geburtstag: Ausstellungskatalog (2009)

Ernst Weiers, der, zuletzt zurückgezogen vom Kunstbetrieb, über 40 Jahre lang in Bernried am Starnberger See lebte und 1978 verstarb, ist heute kunstgeschichtlich gesehen vergessen. Am 17. September 2009 wäre Weiers, ein Meisterschüler von Paul Klee, 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Jubiläums entstand die Idee einer Retrospektive in Bernried, die nun vom 19. April bis 19. Juli 2015 in Ausschnitten im Graf von Faber-Castell’schen Schloss in Stein bei Nürnberg zu sehen ist.

Die Eltern des heutigen Firmeninhabers Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell lernten Ernst Weiers durch den Galeristen Günther Franke in München kennen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Ernst Weiers und der Familie Faber-Castell, die nicht nur eine Vielzahl seiner Werke erworben, sondern Weiers Ende der fünfziger Jahre auch mit der Anfertigung der Glasfenster der Patronatskirche in Stein beauftragte. „Mit der Ausstellung in Stein möchte ich, nach der Retrospektive in Bernried 2009, einen weiteren Schritt zur Würdigung eines Künstlers gehen, dessen Namen und Werk heute zu Unrecht vergessen sind.“ (1)

Ernst Weiers wird von den Kuratoren den Künstlern der „verschollenen Generation“ zugeschrieben – ein Begriff, den der Journalist, Publizist, Kunsthistoriker und Kunstsammler Rainer Zimmermann 1980 geprägt hat. Diese stilistisch heterogene Gruppe von Künstlern eint seiner These nach eine gemeinsame, ähnlich verlaufende Biografie: Sie waren „um die Jahrhundertwende 1900 geboren und ihre Studienzeit fiel in die Nachkriegswirren und die Not nach dem Ersten Weltkrieg. Durch ihre malerische, expressionistische Arbeitsweise passten sie ab 1933 nicht in die nationalsozialistische Kunstauffassung. Nach 1945 konnten sie die Dominanz der abstrakt arbeitenden Künstler im Westen und des Sozialistischen Realismus im Osten Deutschlands nicht durchbrechen und gerieten so ins Abseits.“ (2)

Ausbildung und innere Emigration

Ernst Weiers studierte von 1929 bis 1933 an der Akademie in Düsseldorf bei Heinrich Campendonk und bei Paul Klee, dessen Meisterschüler er war. Außerdem hatte er Kontakt zu Jan Thorn Prikker (Lehrer von Campendonk), Christian Rohlfs und Karl Schmidt-Rottluff, einem der wichtigsten Vertreter des Expressionismus. Eine vielversprechende Laufbahn schien möglich. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erhielten die Professoren der Düsseldorfer Akademie Lehrverbot. Und auch als Schüler galt Weiers als verfemt und seiner Existenz als Künstler in Deutschland wurde damit der Boden entzogen. Als Paul Klee 1933 in die Schweiz auswanderte, ging sein Schüler Ernst Weiers mit ihm. Zwei Jahre später musste Weiers jedoch trotz Bürgschaft die Schweiz wieder verlassen. Es folgte eine Zeit bitterer Armut. In Berlin lernte er seine Frau Grete Lange-Kosak kennen, mit der er 1936 nach Bernried zog.

Ernst Weiers: Vogelscheuchen (1936)
Ernst Weiers: Vogelscheuchen (1936)

Mit begrenzten Ressourcen und trotz steter Angst vor Entdeckung malte Weiers jedoch weiter. Aus dieser Zeit sind u.a. die Radierung Vogelscheuchen (1936), die Hitler, Goering und Göbbels symbolisch verschlüsselt zeigen soll, und das auf Rupfen gemalte Ölbild Schnecke und Schachtelhalm (1936/1938) in der Ausstellung zu sehen. Der Schachtelhalm als lebendes Fossil und die Schnecke versinnbildlichen die innere Emigration, in die sich Weiers begeben hatte.

Ernst Weiers: Schnecke und Schachtelhalm (1936/1938)
Ernst Weiers: Schnecke und Schachtelhalm (1936/1938)

Kriegsjahre und Gefangenschaft

Ab 1939 war Weiers als Soldat der deutschen Wehrmacht in Polen und Russland. Anders als viele seiner ebenfalls eingezogenen Kollegen malte er auch als Soldat weiter und dokumentierte den Krieg. „Ich habe immer gemalt, im Krieg auf jeden Zettel, in der Schlacht bis vor dem Angriff. Wenn ich nicht mehr malen dürfte, müsste ich sterben“ (3), so Weiers nach dem Krieg.

Ernst Weiers: Aasvogel (1940)
Ernst Weiers: Aasvogel (1940)

Er gibt Zeugnis von zerstörten polnischen Städten und russischen Dörfern, von erschossenen Menschen und verkrüppelten Familien, z.B. Zerstörtes Dorf (1944) oder Familienbegräbnis (1944). Für die brisanten, wehrmachtszersetzenden Arbeiten wäre Ernst Weiers im Falle einer Denunziation höchstwahrscheinlich ins KZ gekommen. Einen Teil der Arbeiten konnte er von der Front nach Hause schmuggeln.

Selbst in sowjetischer Gefangenschaft fertigte er kleine Portraits von Mithäftlingen. Als Malgrund diente zumeist Pergament, das er sich in Schreibstuben von Kartenzeichnern organisieren konnte, und als Zeichenstift benutzte er abgebrannte Streichhölzer. Zu seinen Lebzeiten wurden alle diese Arbeiten nie ausgestellt.

Ernst Weiers: Selbstportrait in Gefangenschaft (1946/1947)
Ernst Weiers: Selbstportrait in Gefangenschaft (1946/1947)

Von 1940 bis 1948 ist ein Briefwechsel mit Karl Schmidt-Rottluff erhalten, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Letzterer schreibt im Juli 1940 an Weiers: „Gott sei Dank scheinen Sie heile Knochen zu haben und es geht jetzt heimwärts – hoffentlich können Sie dann bald wieder ans Arbeiten gehen. Ich fürchte selbst, der Krieg ist noch nicht so bald zu Ende und reichlich verändert wird die Welt dann aussehen. Malen ist jedenfalls das bessere Handwerk, als das Soldatenhandwerk, jedenfalls ist es niemanden zuleide, wenn’s auch vielen nicht gefällt, was wir tun.“ (4)

In einem weiteren Brief aus dem Jahr 1945 schreibt Schmidt-Rottluff: „So haben Sie wieder Grausiges hinter sich … Ich wage nicht nach Näherem zu fragen, wünschte aber aus ganzer Seele, es bleibe Ihnen mehr erspart und das Ende des Krieges ist nicht mehr fern.“ (5)

Nachkriegsjahre

Weiers wurde zum Jahreswechsel 1948/1949 aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft entlassen. Und wieder nimmt Schmidt-Rottluff in ergreifender Weise Anteil an Weiers Leben:

„Es wird eine Weile dauern, bis Sie sich in dieser veränderten Welt wieder etwas zurechtgefunden haben … Der Verlust ihrer Arbeiten ist sehr schmerzlich und ich glaube, Sie tun recht, wenn Sie sich um die Wiedererlangung keine großen Illusionen machen und den Verlust als Preis für Ihre Heimkehr betrachten. Die Hauptsache, Sie sind erst mal wieder da – Sie sind noch jung und werden noch viele schöne Dinge machen. Gekauft wird augenblicklich freilich nichts – aber auch das wird wieder anders werden.“ (6)

Ernst Weiers: Die tote Stadt (1953)
Ernst Weiers: Die tote Stadt: 1953, Öl auf Rupfen, 66 x 80 cm, Privatbesitz

Es dauerte einige Zeit, bis Weiers wieder „schöne Dinge machen“ konnte. Die Tote Stadt (1953) ist ein alptraumhaft düsteres Bild in graubrauner Farbstimmung, in der die nackten Reste zerstörter Häuser zu erahnen sind. Man kann davon ausgehen, dass Weiers in diesem Bild seine Kriegserlebnisse verarbeitet.

Ernst Weiers: Zwei Vögel im herbstlichen Wald (1957)
Ernst Weiers: Zwei Vögel im herbstlichen Wald (1957)

In den Folgejahren werden die Bildwelten Weiers bunter und fröhlicher, geprägt von der Schönheit der ihn umgebenden Landschaft am Starnberger See. Der Münchner Galerist Günther Franke (u.a. Beckmann, Marc, Nolde, Schlemmer) nahm ihn auf und in der Folge stellten sich Erfolge ein. Weiers nahm an zahlreichen Ausstellungen in In- und Ausland teil, u.a. an den Biennalen in Sao Paulo 1954 und Venedig 1960.

Ernst Weiers: Tiere im durchsonnten Wald (1957)
Ernst Weiers: Tiere im durchsonnten Wald (1957)

Doch viele seiner Bilder erinnern an Bilder anderer Maler, etwa an Paul Klee oder Franz Marc. Der eigene Stil schien ihm nicht (mehr) gegeben. Ebenso wenig war seine Malerei in den sechziger Jahren noch zeitgemäß, in der der abstrakte Expressionismus, „die neue amerikanische Malerei“ (7) das Kunstgeschehen diktierte.

Glasmalerei

Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre entstanden auch eine Reihe von farbigen Glasfenstern, vor allem für moderne Kirchenbauten im Münchner Raum (u.a. Stadtpfarrkirche St. Lampert in München-Milbertshofen, Klosterkirche „Zum guten Hirten“ in München-Solln). Hier konnte Weiers sowohl in technischer als auch in formal-inhaltlicher Hinsicht auf das zurückgreifen, was er bei Jan Thorn Prikker gelernt hatte.

Ernst Weiers: Glasfenster Chor Martin-Luther-Kirche Stein Nürnberg (1960)
Ernst Weiers: Glasfenster Chor Martin-Luther-Kirche Stein Nürnberg (1960)

Fotos und Montage: Werner Gensmantel

Ende der fünfziger Jahre erhielt Weiers von Graf Faber-Castell den Auftrag, den Chor der Martin-Luther-Kirche in Stein bei Nürnberg (die Patronatskirche seiner Familie) mit neuen Farbglasfenstern auszustatten. Neben stark abstrahierenden Darstellungsformen findet man in diesen Fenstern auch figürliche Darstellungen, wie etwa bei der „Himmelfahrt Christi“ im zweiten Chorfenster.

Rückzug und Tod

Anfang der siebziger Jahre zog sich Ernst Weiers mehr und mehr vom Kunstbetrieb zurück. 1977 erfuhr er von seiner schweren Krebserkrankung. In den letzten Monaten vor seinem Tod malte er beindruckende Horizontbilder wie Nebel überm See (1977), Verhangen I (1977), Nebel in den Bergen (1977/1978), Kreuzweg im Schnee (1978) und Verhangen II (1978).

Ernst Weiers: Nebel in den Bergen (1977/1978)
Ernst Weiers: Nebel in den Bergen (1977/1978)

Verhangen II soll das letzte Bild sein, das Weiers gemalt hat. Dargestellt ist vermutlich wieder der Starnberger See. Im Vordergrund lässt sich das Ufer mit seinen braunroten Farbflächen erahnen, während der See und der Horizont in ihrer farblichen Reduzierung sich gerade noch in leichten Nuancen eines Grautons unterscheiden lassen. Ernst Weiers verstarb am 3. Juni 1978 in Bernried.

Ernst Weiers: Verhangen II (1978)
Ernst Weiers: Verhangen II (1978)

Verschollene Generation

Die von Ulrike Hammad kuratierte Ausstellung verschafft einen faszinierenden Überblick über das Lebenswerk Ernst Weiers und damit verbunden einen nachhaltigen Einblick, wie stark jeweils die persönliche Lebensphase sein künstlerische Schaffen und seinen Ausdruck beeinflusst oder gar bestimmt hat. Ernst Weiers mag nicht in der ersten Reihe der nationalen oder gar internationalen Kunstszene gestanden haben. Der avantgardistische Gedanke mag ihm fremd gewesen sein und der eigene Stil formal nicht immer erkennbar, aber sein Werk trägt eine eindrucksvolle biografische und authentische Handschrift.

Aber woher kommt das unbedingte Interesse, Ernst Weiers kunsthistorisch einer „verschollenen Generation“ zuzuordnen? Ernst Weiers. Der Titel der Ausstellung Ernst Weiers. Ein großer Künstler der verschollenen Generation greift den Begriff der „verschollenen Generation“ auf, den Rainer Zimmermann mit seinem 1980 erschienen Werk Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des Expressiven Realismus von 1925 bis 1975 als These geprägt hat.

Uwe M. Schneede argwöhnte in seiner 1980 beim Spiegel erschienen und lesenswerten Rezension Rückwärts auf dem Mittelweg – Über die Exhumierung einer „verschollenen“ Maler-Generation einen vom Neokonservatismus getriebenen Kulturkampf. „Die aus dem Rückblick malten, die der Radikalität den Mittelweg vorzogen, die sich in der Natur versenkten (eine Natur ohne Telefonleitungen und Industriesiedlungen, versteht sich), werden zu den wahren Helden hochstilisiert, weil sie der Moderne, weil sie den Anforderungen ihrer Zeit widerstanden.“ (8) „Dieses Buch soll uns weismachen, unzeitgemäß sein im Sinne des verweilenden Blicks nach hinten, aus der Zeit sich heraushalten, sei eine Qualität, die künstlerischem Tun Zeitlosigkeit gewähre. Die moderne Kunst dagegen sei nur vordergründiger, modischer Firlefanz.“ (9)

Vielleicht war das Anliegen Zimmermanns aber ein viel profaneres. Zimmermann war auch Kunstsammler und er veröffentlichte das aufwändige Buch entlang seiner eigenen, bis dahin erheblich angewachsenen Kunstsammlung (10), die Gottfried Selb in seinem Artikel Mancher bleibt zu Recht vergessen ein „trübes Sammelsurium“ nennt. (11) Wieso sollte also nicht die Wertsteigerung der eigenen Sammlung im Vordergrund des Interesses gestanden haben?

Ernst Weiers befand sich übrigens nicht in der Sammlung Zimmermanns. Folglich wurde Weiers von Zimmermann auch nicht der „verschollenen Generation“ zugerechnet. Diese Zuordnung erfolgte erst mit der Bernrieder Retrospektive. Das Werk Ernst Weiers braucht diese Zuordnung nicht.

Quellenangaben

  1. Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell, Vorstandsvorsitzender der Faber-Castell AG in der Presseinformation „Mit dem Zeichenstift gegen den Krieg“ zur Ausstellung Ernst Weiers. Ein großer Künstler der verschollenen Generation
  2. Rainer Zimmermann (Kunsthistoriker); in: Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Rainer_Zimmermann_%28Kunsthistoriker%29 (= RZ); abgerufen am 2015-06-06
  3.  Ernst Weiers, zitiert aus Hartwig Spitzer, Bekanntschaft mit Ernst Weiers, Potsdam 1999 in Presseinformation „Mit dem Zeichenstift gegen den Krieg“
  4. Brief von Karl Schmidt-Rottluff an Ernst Weiers vom 26. Juni 1940
  5. Brief von Karl Schmidt-Rottluff an Ernst Weiers vom 06. April 1945
  6. Brief von Karl Schmidt-Rottluff an Ernst Weiers, handschriftliche Kopie des Briefes vom 28. Dezember 1950
  7. Unter dem Titel Die neue amerikanische Malerei fand 1958 eine Ausstellung in der Hochschule für Bildende Künste in Berlin statt. Die vom New Yorker Museum of Modern Art organisierte Übersichtsschau, die durch mehrere europäische Städte reiste, zeigte über eine Laufzeit von vier Wochen 81 Werke von 17 Malern, darunter alle Hauptvertreter des Abstrakten Expressionismus (u.a Franz Kline, Willem de Kooning, Robert Motherwell, Jackson Pollock und Mark Rothko)
  8. Uwe M. Schneede: Rückwärts auf dem Mittelweg – Über die Exhumierung einer verschollenen Maler-Generation; in: DER SPIEGEL 46/1980; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14327428.html; abgerufen am 2015-06-06
  9. ebd.
  10. RZ
  11. Gottfried Selb: Mancher bleibt zu Recht vergessen: Zur These von der „Kunst der verschollenen Generation“; in: ZEIT ONLINE vom 10. Oktober 1980; http://www.zeit.de/1980/42/mancher-bleibt-zu-recht-vergessen; abgerufen am 2015-06-06

Bildnachweis

Alle Bilder, soweit nicht anders angegeben, sind entnommen aus: Ernst Weiers – zum 100. Geburtstag; hrsg. von Gemeinde Bernried am Starnberger See, 2009

2 Gedanken zu „Ernst Weiers – Ausstellung im Faber-Castell’schen Schloss in Stein“

  1. Sehr interessant. Es wurde höchste Zeit, dass seine Malerei gewürdigt wird. Ich habe in Bernried bei Ernst Weiers das Lithografieren gelernt und später bei Michael Langen ein Bild und von Ernst Weiers erworben. In seinem Atelier hatte er mir 2 Aquarell Skizzen und eine Probedruck geschenkt. Auch die Mappe „der Wald“ mit seinen Lithographien ist in unserem Familienbesitz.
    Ausserdem habe ich noch den Katalog von seiner Ausstellung.
    Fotos der Bilder kann ich Ihnen gerne mailen.
    1994 in der Galerie Vömel in Düsseldorf.

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