Dirtmusic mit Ben Zabo Band 2012

Dirtmusic – Lion City

Dirtmusic: Lion City (2014)
Dirtmusic: Lion City (2014)

Abwechslungsreich instrumentiert, mal sphärisch elektronisch, mal treibend rockig. Das vierte Dirtmusic-Album Lion City entstammt den gleichen Bamako-Sessions aus 2012 wie das bereits 2013 veröffentlichte Troubles. Lion City ist aber stärker geprägt von den Einflüssen der verschiedenen Musiker, die bei diesen Sessions mitgewirkt haben.

Das Bandprojekt Dirtmusic wurde 2007 gegründet von Chris Eckman (Walkabouts), Hugo Race (u.a. Gründungsmitglied von Nick Caves Bad Seeds) und Chris Brokaw (Lemonheads, Thurston Moore Group, s.a. Sonic Youth). Die Musiker waren auf der Suche nach neuen Inspirationen, nach reinerem, akustischerem musikalischem Ausdruck. 2008 sind sie gemeinsam auf dem Festival au Désert in Timbuktu. Dort lernen sie die Tuareg Band Tamikrest kennen und musizieren drei Tage gemeinsam in deren Zelt. Das ist für alle ein magischer Moment und legt den Grundstein für die weitere Entwicklungen aller Musiker, die bis in die heutige Zeit wirken. (Dokumentiert wurde das übrigens auf der auf 1.000 Stück limitierten CD Tent Sessions – ursprünglich aufgenommen auf analoger Kassette. Das ist aber nichts für HiFi-Freunde!)

In der Folge entsteht das zweite Album von Dirtmusic BKO – BKO ist die Kennung des Flughafens von Bamako – in Zusammenarbeit mit Tamikrest. Chris Eckmann verbringt zunehmend mehr Zeit in Mali, lernt weitere Künstler kennen und produziert beispielsweise das Album Rainy Season Blues von Lobi Traore. Das Engagement Chris Eckman’s mündet schließlich sogar in seiner Funktion als Label-Manager von Glitterbeat, einem neu gegründeten Sub-Label von Glitterhouse. Tamikrest ist natürlich auch bei Glitterbeat unter Vertrag.

2012, während der großen Unruhen in Mali, treffen sich viele Musiker aus Mali zu Sessions mit Dirtmusic, die jetzt nur noch aus Chris Eckman und Hugo Race bestehen. Neben der gegenseitigen musikalischen Inspiration dürfte bei vielen Musikern aber auch die Option auf internationale Bekanntheit und die Aussicht auf einen Plattenvertrag eine Rolle gespielt haben. Lion City ist das zweite Album mit Aufnahmen aus diesen Tagen.

Chris Eckman, Hugo Race und die Tamikrest-Musiker Ousmane Ag Mossa (Gitarre), Cheikhe Ag Tiglia (Bass) und Aghaly Ag Mohamedine (Percussion) bilden die Basisbesetzung von Lion City.

Bildergalerie: Die Musiker von Lion City

Das Album beginnt mit „Stars of Gao“, wo auf einen tranceartigen, elektronischen Klangteppich die Takamba Band Super 11 aus dem Norden Malis (Gao) ihre tradionellen Instrumente Ngoni und Kalebasse platzieren. „Narha“, der zweite Track, ist klanglich eng mit dem ersten Stück verwoben. Auf eine elektronische Klangbasis setzt ein langsam, aber nachdrücklich treibender Basslauf, der dann durch die verhallte Stimme von Aminata Wassidjé Traoré (seit kurzem mit einer Vinyl-Scheibe auch bei Glitterbeat) ergänzt wird. Track Nummer fünf „Ballade de Ben Zabo“ wurde eingespielt mit der Ben Zabo und Band (seit 2012 bei Glitterbeat) und geht eher Richtung Afrobeat mit Calypso-Einflüssen und klingt deutlich freundlicher und offener als die ersten beiden Stücke und das nachfolgende „Red Dust“ – Dirtmusic featuring Samba Touré (seit 2013 bei Glitterbeat). „Red Dust“ ist ein psychedelisch unterlegtes Klagelied gegen Krieg, Kampf und Kriminalität und dem Zweifel an Besserung:

„how can we believe / that peace will come“

Dirtmusic feat. Samba Touré – Red Dust

Im Folgenden drei Stücke in der Basis-Besetzung: „Clouds Are Cover“ (verhallter Sprechgesang von Hugo Race, Percussions und leichte Gitarrenklänge), „Starlight Club“ (rein instrumental mit Xlyophon-Calypso-Basis à la „Ballade de Ben Zabo“, dann verhallter, nach und nach treibender Gitarrensound) und „Blind City“. Das vorletzte Stück „Day The Grid Went Down“ wird unterstützt von MC Jazz, einem jungen Hip Hop-Künstler aus Bamako. Das Album endet mit „September 12“, dem Beitrag des jungen senegalesischen Sängers Ibrahima Douf. Die zurückhaltenden elektronischen Klänge flirren zum Ende hin wie zum Abschied eines langen Musikabends.

Die aktuelle politische Lage

Gut ein Jahr nach der französischen, vom Weltsicherheitsrat gebilligten Militär-Intervention „Serval“ ist der Norden des Landes nach wie vor ein rechtsfreier Raum. Die radikalen Islamisten der Ansar Dine wurden zwar offiziell zurückgedrängt, es gibt Checkpoints und Patrouillen durch UN-Blauhelm-Soldaten, französische Truppen und die Armee aus Mali, dennoch gibt es in der Region Gao (der Heimat von Super 11) fast täglich Überfälle oder Anschläge und in Kidal, der Hochburg der Tuareg Befreiungsbewegung MNLA, herrscht völlige Anarchie. Noch immer geht es um die Befreiung von Azawad. Kidal gilt laut einem Bericht des Deutschlandfunk vom 8. März 2014 als der gefährlichste Ort Westafrikas.

Azawad Graffiti in Kidal , Mali
UN-Blaubhelm-Soldate vor Azawad Graffiti in Kidal , Mali
MNLA Graffiti in Gao, Mali
MNLA Graffiti in Gao, Mali

Bildnachweis

 

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