Türen: ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ (Header) (2012)

Die Türen – ABCDEFGHIJKLM … – Wortspielpoprock

Türen: ABCDEFGHIJKLMNO PQRSTUVWXYZ (2012)
Türen: ABCDEFGHIJKLMNO PQRSTUVWXYZ (2012)

„Rentner und Studenten“ – das erste Stück auf der Platte – kann stellvertretend für den Rest der Platte stehen, nicht musikalisch, aber textlich. Mein erster Eindruck war der an einer kritischen Gesellschaftsaussage interessierten Band. Alleine schon die Titel legen das nahe: „Schwarz-Gelbes Unterseebot“ (Politik), „Pop ist tot“ (Musik-Bunsiness) oder „Don’t google yourself“ (Internet). Da springt man sofort an, die Themen sind auf der Höhe der Zeit, man ist interessiert. Dann liest und hört man noch die eine oder andere Kritik mit Songzitaten und greift zu.

Diese erste Erwartung wird aber nicht erfüllt. Es gibt – zumindest oberflächlich gesehen – keine Aussage, denn im Vordergrund steht die Wortakrobatik. Und da ist Maurice Summen, Sänger bei „Die Türen“, ein Meister. Die Texte haben etwas Dadistisches, eher aber etwas Willkürliches.

Zurück zu „Rentner und Studenten“: Zu dem Stück gibt es ein Video. Das Video zeigt eine Demo durch den Prenzlauer Berg. Die Demonstranten heben leere, weiße Banner und Plakate hoch. In eingeblendeten Interviews verraten sie ihr Interesse: „Der offizielle politische Weg, das bringt nix mehr“ oder „Man muss einfach mal zwischendurch freie Zeit haben um nur zu denken“. Man mag da lieber nicht an die Demos in Tunesien, Ägypten, Libyien oder Syrien denken. Schön, wenn man aus der Sicherheit heraus für ein Wochende demonstrieren kann, das bis freitags reichen solle.

Vermutlich sind die Türen gesellschaftlich motiviert. Ihnen fehlt aber scheinbar der gesellschaftliche Druck. Bruce Spingsteen hatte vor Jahren eine Schaffenskrise, weil ihm die Themen abhanden gekommen waren. Die sozialen Ungerechtigkeiten und die politischen Unwägbarkeiten haben ihm neues künstlerisches Potenzial und Themen eingehaucht. Mit „Wrecking Ball“ ist er wieder da, wenn auch – wie immer – mit diesem typisch US-Amerikanischen Heimat-Pathos.

Es gibt sicherlich auch hier in Deutschland genügend Themen. Und das zeigen „Die Türen“ auch mit ihren Songtiteln und ihren Textauschnitten. Unverständlich deshalb, warum „Die Türen“ das nicht richtig umsetzen. Sie greifen die Themen ja auf, aber auf eine doch sehr indifferente Art und Weise. Wunderschön ist die Formulierung „Wissen ist Macht kaputt was euch kaputt macht.“ Francis Bacon und Ton, Steine, Scherben werden wunderbar verbunden. „Die Türen“ wissen, kennen – erschöpfen sich aber Wortspielen. „Keine Ahnung von Nichts, davon aber jede Menge“ – im gleichen Song („Rentner und Studenten“).

Xoyzalibetum

Sie wissen, was sie tun. Die Platte ist in sich schlüssig. Auch die Cover-Gestaltung spiegelt die textliche Indiffernz, das sich nicht festlegen wollen. Dem Album ist ein Stickerbogen beigelegt mit den Buchstaben des Alphabets, Symbolen der Popkultur wie der Stones-Zunge, der Warhol-Banane oder einem Smiley oder billigen Tattoo-Motiven wie einem Kreuz mit Strahlenkranz. Man soll sich sein Cover selbst gestalten – sonst bleibt es ein „White Album“ – zumindet außen, denn innen ist es zitronengelb. Ein Verkaufsvideo – auch das gibt es – preist diesen Kundenvorteil an: „Ein ganz besonderes Kauferlebnis, denn das Produkt bietet Ihnen die Möglichkeit, das Design Ihren individuellen Bedürfnissen anzupassen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Tonträgern, bei denen sowohl Titel als auch Cover-Gestaltung vom Hersteller vorgegeben sind, haben sie hier die einmalige Gelegenheit, bei der Produktgestaltung entscheidend mitzuwirken.“

Mit den Buchstaben kann man sich natürlich auch einen eigenen Plattentitel basteln – zumidest theoretisch. Praktisch ist das schon schwieriger, denn jeder Buchstabe ist – anders als bei den alten Letrasetbögen – nur einmal drauf. Aber wie wär’s mit Xoyzalibetum – das Wort gibt’s bislang bei Google nicht.

ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ ist ein Konzeptalbum

Alles ist gestylt und aufeinander abgestimmt. Die Wortspielereien korrespondieren mit der Covergestaltung, die Covergestaltung wiederum mit der Demo für mehr Freizeit und musikalisch sind die Türen Alleskönner. Rock, Pop, Reggae, Schlager, Funk, Disco-Beats: alles ist zu haben.

Ein in sich schlüssiges Konzept, mit sehr, sehr vielen netten Ideen. Aber es hinterlässt Unzufriedenheit. Da hätte man mehr draus machen können.

Dann doch lieber Tocotronic (Schall und Wahn – Im Zweifel für den Zweifel – 2010) oder Fehlfarben (Glücksmaschinen – Respekt? – 2010).

Die Türen: Leben oder Streben

2 Gedanken zu „Die Türen – ABCDEFGHIJKLM … – Wortspielpoprock“

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