BaBa ZuLa (2016)

Baba Zula – XX

Baba Zula machen Oriental-Dub, Acid-Turk-Rock, Reggae-Dub mit Ethno-Groove oder hypnotischen Acid-Tribal-Psyche-Groove-Rock und kommen aus Istanbul. Baba Zula gibt es seit 20 Jahren und weil ihr Jubiläumsalbum XX in der Türkei nicht erscheinen durfte, veröffentlichte nun das deutsche Label Glitterbeat die Platte. Laut Bandleader Murat Ertel stehen 80 Prozent ihrer Songs in der Türkei auf dem Index. Im Fall von XX wurde das Album aber wegen des Covers zensiert, das auf der Vorderseite eine nackte Frau  zeigt – die Brustwarzen mit jeweils einem X überklebt. XX steht natürlich für das Bandjubiläum, das famose, farbenprächtige Psychedlic-Cover selbst soll aber auch gegen die Zensur ein provokantes Ausrufezeichen setzen.

Baba Zula: XX (2017)
Baba Zula: XX (2017)

XX, das Jubiläumsalbum, ist eigentlich eine Compilation über sechs Studioalben aus 20 Jahren. Aber keines der Stücke wurde hier in seiner Originalfassung veröffentlicht. Stattdessen wurden Remixes, Neuaufnahmen, Kollaborationen oder Live-Tracks gewählt. Selbst die Aufnahmetechniken sind ein Mix aus Digital, Analog, Band oder MP3. Verpackt ist das Ganze mit diesem wunderbar  farbigen Cover, einem prächtigen 8-seitigen Groß-Booklet und einer XX-Dub Bonus-CD.

Baba Zula: XX: Cover Innenseite links
Baba Zula: XX: Cover Innenseite links

Oriental Dub

Die Musik von Baba Zula – der Name bedeutet etwa so viel wie „Großes Geheimnis“ – hat ihre Wurzeln in der Psychedelic-Musik der 60er-Jahre. Im Mittelpunkt stehen aber nicht die E-Gitarren und Keyboards, sondern eher tradionelle, klassische Instrumente wie die Saz (Langhalslaute) oder die Darbouka (Bechertrommel) aus der türkischen Folkore. Baba Zula spielen aber keine Volkslieder auf den diesen Instrumenten, sondern einen eigenen Sound, den sie selbst Oriental Dub nennen.

„I always tell people that they might not like us, but no one can say we’re not original.“ (1)

Westliche Einflüsse spielen  ebenfalls eine große Rolle. Aber egal ob Baba Zula nun Dub-Reggae oder psychechedelischen Acid-Rock spielen, es schwingt immer einer orientalischer Grundton mit.

Aquarelle der Bandmitglieder von Osman Murat Ertel (OME) auf der Innenseite des liebevoll gestalteten Plattencovers XX

Politische Botschaft und musikalische Vielfalt

Das Album startet mit zwei Reggae-Stücken. Der erste Track „Özgür Ruh“ (2004) ist ein elektronisch unterlegter Reggae. Eine Klarinette sorgt für die orientalische Anmutung. In „Freier Geist“ – so die Übersetzung – geht es darum, die eigene Meinung zu wahren und nicht der Masse hinterher zu laufen.

„Seksek“ (nur 47 Sekunden, 2001) hört sich an wie ein Stück vom Pink Floyd Debutalbum „Piper At The Gates Of Dawn“.

Auf „Carino“  (2015) singt La Yegros, eine argentinische Sängerin und der folgende Titel „Yororo Kanto“ (2014) ist eine Zusammenarbeit mit der Oki Dub Ainu Band von der Insel Hokkaido. Hier kommen Dub, Reggae, orientalische und japanische Klänge zusammen – und es funktioniert.

„Efkarlı Yaprak“ (2016), das „besorgte Blatt“, hat Murat Ertel für seinen Onkel geschrieben, stellvertretend für all die Journalisten, die in den letzten Jahren von der türkischen Regierung verfolgt oder inhaftiert wurden. Sein Onkel İlhan Selçuk, ehemals Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, wurde als Kritiker der AKP-geführten Regierung unter der Präsidentschaft von Recep Tayyip Erdoğan 2008 verhaftet.

„I wrote the second song for my uncle, who was a journalist. He and others fought with their pens and pencils, even though they were tortured and jailed.“ (2)

Der Basslauf von „Efkarlı Yaprak“ erinnert an manchen Stellen ein wenig an den Trip-Hop-Beat von Massive Attack bei „Future Proof“ auf 100th Window. Dazu eine elektrisch verstärkte und massiv verzerrte Saz, multiple Percussions, elektronische Sounds und verhallter, inbrünstiger Gesang von Melike Şahin.

„Abdülcanbaz“ hat, ebenso wie schon bei „Efkarlı Yaprak“, einen familiären und politischen Hintergrund. Abdülcanbaz ist eine Comic-Figur der Tageszeitung Milliyet von Turhan Selçuk, einem der bekanntesten und bedeutensten Karikaturisten der Türkei. Und:  Turhan Selçuk ist der Bruder des Journalisten İlhan Selçuk. In der Türkei kennt nahezu jeder Abdülcanbaz, den Comic-Helden, der sich in gesellschaftliche und soziale Geschehnisse zum Wohl des Volkes einmischt. Das Bild zeigt ihn mit seinen markanten Gesichtszügen und rotem Fez auf dem Hochrad.

Abdülcanbaz von Turhan Selçuk
Abdülcanbaz von Turhan Selçuk

Live ein hypnotisches Gesamtkunstwerk

Ganz besonders sind die zwei Live-Tracks am Ende des regulären Albums. Dsa schon genannte „Abdülcanbaz“ ist eine Aufnahme vom Piräus Resistance Festival 2013 in Griechenland: ein 19 Minuten langer – die gesamte vierte LP-Seite einnehmender – hypnotisch verhallter, verzerrt stampfender Percussion-Groove mit sogartiger Wirkung. Phänomenal.

Video: „Abdülcanbaz“ – LIVE in Berlin (Official)

 

„Çöl Aslanları“ wurde 2004 von Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) auf dem Bada Bing Festival in Berlin aufgenommen.

Live verbinden Baba Zula ihre Musik gerne mit bunten Kostümen und visueller Kunst zu einem audiovisuellen Gesamtkunstwerk.

XX Dub

Baba Zula: XX Dub (2017)
Baba Zula: XX Dub (2017)

Die beigepackte Bonus-CD ist ein reines Dub-Album. Freunde und Weggefährten der Band haben Remixe von Baba Zula-Songs aufgenommen, unter anderem Mad Professor – bekannt auch von dem 1995er Massive Attack Remix-Album No Protection –, Dr. Das, Arastaman und Dirtmusic. Ein interessanter Beitrag insofern, als Chris Eckman, der Bandleader von Dirtmusic (ehemals Walkabouts), gleichzeitig der Label-Manager von Glitterbeat ist, das das Erscheinen des Albums von Baba Zula erst ermöglicht hat.


Erstveröffentlichung: 27. Januar 2017
Label: Glitterbeat (GBLP 042)
Cover Foto:  Charles Emir Richards
Download High Res Cover: XX 2500 x 2500 px
Download High Res Cover: XX Dub 2500 x 2500 px
Musiker:

  • Osman Murat Ertel (OME): elektrische und akustische Laute, Gesang, elektrische und akustische Gitarre, Bass, Theremin, Percussion
  • Mehmet Levent Akman: Percussion, Elektronische Sounds, Holzlöffel
  • Periklis Tsoukalas: electrische Oud
  • Melike Şahin: Gesang
  • Ümit Adakale: Percussion: Darbuka, Bendir, Davul
  • La Yegros auf „Carino
  • Oki Dub Ainu Band auf „Yororo Kanto
  • Deleyaman auf „Bir Sana Bir De Bana

Dub-Mixes auf XX Dub von

  • Baba Zula
  • Arastaman
  • Dr. Das
  • Onofon
  • Dirtmusic
  • Uchi Unchida
  • Mad Professor
Barcode: 4 030433 804212

Quellenangaben:

  1. Murat Ertel auf https://baba-zula.bandcamp.com/
  2. dto.

Bildnachweis

  • Artikelbild: Foto von Can Erok 2016 auf http://www.moritzbastei.de
  • Aquarelle der Bandmitglieder von Osman Murat Ertel auf der Innenseite des Plattencovers XX; Fotos: Werner Gensmantel
  • Collage: Foto von der Innenseite des Plattencovers XX: Werner Gensmantel
  • Abdülcanbaz auf dem Hochrad: Foto von http://abdulcanbaz.biz/

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